Wis­senschaft ist immer öffentlich, hat aber viele unter­schiedliche Adres­satIn­nen: intra‑, trans- und inter­diszi­plinäre Kol­legIn­nen, wiss­be­gierige Stu­dentIn­nen, Kul­turbe­trieb, Radio, Poli­tik, enthu­si­astis­che Musik­lieb­haberIn­nen, die inter­essierte Öffentlichkeit. Alle diese ver­schiede­nen Adres­satenkreise haben ihre eige­nen Fra­gen und Erwartun­gen an die Musik­wis­senschaft, unter­schiedliche Vorken­nt­nisse, spez­i­fis­che Kom­mu­nika­tion­swege und –ansprüche sowie Bew­er­tungskri­te­rien. Und alle diese Adres­satIn­nen wur­den und wer­den von der Ham­burg­er Musik­wis­senschaft ange­sprochen: Mit zahlre­ichen Pub­lika­tio­nen und Schriften­rei­hen, Inter­views, Lehrpro­jek­ten, Koop­er­a­tio­nen, Vor­tragsrei­hen, Ausstel­lun­gen, Kon­gressen, Exkur­sio­nen, Son­der­forschung­spro­jek­ten – die fol­gen­den Beiträge zeigen zwei viel­seit­ige Beispiele aus Ver­gan­gen­heit bis Gegenwart.

1. Die Etablierung eines neuen Forschungszweiges: Wil­helm Heinitz’ ‚Bio­musikolo­gie‘ in der diszi­plinären Öffentlichkeit
2. Aus den Charts an die Uni: Pop­u­lar­musik in der Lehre am Musik­wis­senschaftlichen Insti­tut der Uni­ver­sität Hamburg

Die Etablierung eines neuen Forschungszweiges: Wilhelm Heinitz’ ‚Biomusikologie‘ in der disziplinären Öffentlichkeit

Von Jana Kummer

Lebenslauf Wil­helm Heinitz
Abbil­dung 1: Wil­helm Heinitz, aus: Ethno­graph­ic Sound Record­ings Archive, Insti­tut für Sys­tem­a­tis­che Musikwissenschaft

Wil­helm Heinitz war von 1915 bis 1948 am Kolo­nialin­sti­tut (s. Beitrag zu „Anfänge der Ham­burg­er Musik­wis­senschaft“) und der Uni­ver­sität in Ham­burg angestellt (s. Lebenslauf). Während sein­er akademis­chen Lauf­bahn vom wis­senschaftlichen Hil­f­sar­beit­er zum Pro­fes­sor unter­nahm er vielfältige Ver­suche, Ham­burg als einen ‚Stan­dort‘ für Ver­gle­ichende Musik­wis­senschaft zu etablieren. In diesem Rah­men entwick­elte er seine soge­nan­nte ‚Bio­musikolo­gie‘, die er in der diszi­plinären Öffentlichkeit auf hart­näck­ige und mitunter prä­ten­tiöse Art und Weise vertrat.1 Anhand aus­gewählter Pub­lika­tio­nen sowie Kon­gress­beiträge soll im Fol­gen­den skizziert wer­den, wie Heinitz seine Forschun­gen in der Musik­wis­senschaft zu etablieren suchte.

Heinitz Biomusikologie als Teil der Vergleichenden Musikwissenschaft

Bere­its 1915 war Heinitz – zunächst noch ohne akademis­chem Abschluss – mit den Forschun­gen der damals bekan­ntesten Vertreter der deutschen Ver­gle­ichen­den Musik­wis­senschaft in Kon­takt gekom­men: jenen von Prof. Dr. Carl Stumpf und Dr. Erich M. von Horn­bostel. Spätestens seit 1918 bestand auch per­sön­lich­er Kon­takt.2 So griff er in den ersten Jahren sein­er Anstel­lung auch auf deren Meth­o­d­en zurück, z. B. auf Ton­höhen­mes­sun­gen nach dem Tonome­ter oder auf den Tran­skrip­tion­s­stan­dard nach Horn­bostel und Dr. Otto Abra­ham.3 Nach sein­er Dis­ser­ta­tion im Fach Psy­cholo­gie bei Prof. Dr. Götz Mar­tius in Kiel 19204 entwick­elte er allmäh­lich eigene Meth­o­d­en und The­sen, die er unter dem Begriff ‚Bio­musikolo­gie‘ zusam­men­fasste und für die er eine spez­i­fis­che, der Phonetik entlehnte Ter­mi­nolo­gie anwandte.5 Diese ist gekennze­ich­net durch die Prämisse, dass Musik zuallererst Bewe­gung sei und dass es biol­o­gisch notwendi­ge Eige­narten gäbe, wie sich ein Men­sch musikalisch artikuliert (s. Abb. 2). Angelehnt an die soge­nan­nte ‚Rutzsche Typen­lehre‘6 suchte er selb­st nach biol­o­gisch typ­is­chen musikalis­chen Aus­drucksmerk­malen von Indi­viduen, Völk­ern oder „Rassen“.7 Sein empirisch-induk­tives Vorge­hen mit dem Ziel, uni­verselle Geset­ze aufzustellen, war charak­ter­is­tisch für die gesamte Ver­gle­ichende Musik­wis­senschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts, wurde jedoch zuweilen auch eben dort prob­lema­tisiert.8 Die stetige Beto­nung der all­ge­meinen Zuver­läs­sigkeit und Aus­sagekraft der Ergeb­nisse „exak­ter natur­wis­senschaftlich­er“ Meth­o­d­en und „plan­mäßiger Exper­i­mente“ diente Heinitz auch als Legit­imierungsstrate­gie für seine noch nicht etablierten Meth­o­d­en.9

Abbil­dung 2: End­be­we­gungsphasen eines 2. Tak­tschlages (3/4‑Takt) unter­schiedlich­er Werke, aus: Vox 21/1 (1935) , S. 71
Disziplinäre Resonanz: Heinitz’ Publikationen im Licht seiner Rezensenten

Schon im Jahr sein­er Anstel­lung als wis­senschaftlich­er Hil­f­sar­beit­er am Phonetis­chen Lab­o­ra­to­ri­um begann Heinitz in wis­senschaftlichen Zeitschriften zu pub­lizieren.10 Bis zu ihrer Ein­stel­lung 1936 veröf­fentliche er regelmäßig Artikel in der vom Phonetis­chen Lab­o­ra­to­ri­um her­aus­gegebe­nen Zeitschrift Vox, die sich als Zeitschrift für exper­i­mentelle Phonetik ver­stand. Nach sein­er Dis­ser­ta­tion veröf­fentlichte er außer­dem zunehmend in musik­wis­senschaftlichen Fachzeitschriften.11

Seine Pub­lika­tio­nen wur­den äußerst ambiva­lent beurteilt. Exem­plar­isch lässt sich dies an der Res­o­nanz, die seine Habil­i­ta­tion­ss­chrift her­vor­rief, ver­an­schaulichen. Während Prof. Dr. Robert Lach Heinitz’ Habil­i­ta­tion­ss­chrift Struk­tur­prob­leme in prim­i­tiv­er Musik als „ein Muster­beispiel echter deutsch­er wis­senschaftlich­er Akri­bie und Solid­ität“ und „ein förm­lich­es Kom­pendi­um der ver­gle­ichend-musik­wis­senschaftlichen Arbeit­stech­nik und ‑meth­ode“ beurteilte,12 kri­tisierte Dr. Georg Her­zog, zunächst Assis­tent von Stumpf und Horn­bostel und später Schüler Prof. Dr. Franz Boas’, einen Man­gel an geschichtlich­er Per­spek­tive und kul­turellem Set­ting. Er beurteilte fern­er die Methodik als dem kom­plex­en Gegen­stand nicht angemesse­nen und unaus­gereift.13 Horn­bostel selb­st hat­te sein­erzeit die Meth­o­d­en in Heinitz’ erstem Habil­i­ta­tion­sen­twurf (1924) eben­falls als zu sta­tis­tisch und zu unergiebig kri­tisiert.14

In einem recht kurz gehal­te­nen Nachruf beschrieb Prof. Dr. Walther Vet­ter, der von 1929 bis 1934 eben­falls in Ham­burg Lehrbeauf­tragter war, Heinitz als „sich rast­los mühen­den Forsch­er“, als „prob­lema­tis­chen Charak­ter“. Ander­er­seits hielt er ihm zugute, sich bewusst nicht abgekapselt zu haben.15

Heinitz’ Biomusikologie im „Dritten Reich“

1934 wurde am Phonetis­chen Lab­o­ra­to­ri­um die Forschungsabteilung für Ver­gle­ichende Musik­wis­senschaft gegrün­det, deren erster und einziger Leit­er Heinitz blieb.16 In Berlin waren Ver­gle­ichende Musik­wis­senschaftler wie Horn­bostel, Dr. Curt Sachs und Dr. Robert Lach­mann schon als Juden oder soge­nan­nte „Hal­b­ju­den“ von den Nation­al­sozial­is­ten ent­lassen und emi­gri­ert. Heinitz’ Posi­tion im nation­al­sozial­is­tis­chen Deutsch­land war von Ambivalen­zen geprägt. Zum einen lässt sich fest­stellen, dass er ab 1938 ver­mehrt zum The­ma Musik und Rasse pub­lizierte.17 Auf­grund sein­er biol­o­gis­chen Per­spek­tive, sein­er an Rutz und Siev­ers ori­en­tierten Typen­lehre und seines Uni­ver­sal­ität­sanspruchs hat­te seine Forschung dur­chaus eine Schnittmenge mit der NS-Rassenide­olo­gie. Schon 1928 betonte Heinitz die große Bedeu­tung der Völk­erpsy­cholo­gie, die jedoch biol­o­gisch fundiert wer­den müsse, um „in die biol­o­gis­che Notwendigkeit eines bes­timmten musikalis­chen Fall­es ein­drin­gen zu kön­nen“.18 Zum anderen wurde er vom Regime als ide­ol­o­gisch nicht ein­wand­frei beurteilt. Beispiel­sweise wurde ihm seine kurze, aber erst nach Jan­u­ar 1933 been­dete Mit­glied­schaft in der Johan­nis­loge bis 1945 immer wieder ange­lastet.19 Zudem pro­movierte er 1938 den pol­nis­chen Juden Rafael Broches,20 der noch im sel­ben Jahr deportiert und ver­mut­lich 1941 im KZ ermordet wurde.21

Universalitätsanspruch und Konflikte: Heinitz’ Kongressteilnahmen

Obgle­ich Heinitz selb­st nie einen Kongress in Ham­burg aus­gerichtet hat, nahm er an ein­er Vielzahl von Kon­gressen teil. Die diversen Kon­gressteil­nah­men zeu­gen von seinen regen Unternehmungen, seine Forschun­gen in der Diszi­plin und darüber hin­aus bekan­nt zu machen. Er besuchte sowohl Kon­gresse mit musikgeschichtlichen The­men­schw­er­punk­ten, als auch all­ge­mein musik­wis­senschaftliche, phonetis­che und anthro­pol­o­gis­che.22 Zwei Beispiele ver­an­schaulichen sein engagiertes wie stre­it­bares Auftreten.

Im März 1932 nahm Heinitz am Kairoer Kongress für ara­bis­che Musik teil. Unter der Schirmherrschaft von König Fuad I. wurde auf dem inter­na­tionalen Kongress zwei Wochen lang in ver­schiede­nen Sek­tio­nen über Geschichte und Gegen­wart der ara­bis­chen Musik disku­tiert. Neben ein­er Vielzahl von ara­bis­chen Gelehrten, Kom­pon­is­ten und Poet­en waren auch mehrere europäis­che Musik­wis­senschaftler zu dem Kongress ein­ge­laden, „in order to dis­cuss all that was required to make the music civ­i­lized, and to teach it and rebuild it on acknowl­edged sci­en­tif­ic prin­ci­ples“, wie es im Kon­gress­bericht heißt.23 Neben Sachs, der auch an der Organ­i­sa­tion beteiligt war, nah­men auch Hornbostel, Lach­mann, Prof. Dr. Johannes Wolf und Paul Hin­demith teil. Par­tizip­iert hat Heinitz zum einen an der „Sek­tion für Musikin­stru­mente“, zum anderen an der „Sek­tion für Auf­nah­mean­gele­gen­heit­en“, welche einzelne Stücke der angereis­ten Ensem­bles auswählte, um von ihnen Tonauf­nah­men anzufer­ti­gen. Ein Ergeb­nis dieser Arbeit ist die nahezu voll­ständi­ge Samm­lung der Tonauf­nah­men des Kon­gress­es, die nachträglich an die Forschungsabteilung gesandt wur­den und auch heute noch im Insti­tut zugänglich sind (s. Beitrag zur „Samm­lung ethno­graphis­ch­er Ton­träger“). In der Diskus­sion trat Heinitz zusät­zlich für eine filmis­che Doku­men­ta­tion der Auf­führun­gen ein, die jedoch nicht real­isiert wurde.24 Diese hät­ten auch sein­er angestrebten bio­musikol­o­gis­chen Unter­suchung genutzt, zu der er jedoch im Nach­hinein nichts veröf­fentlichte – let­z­tendlich erschienen aus der Fed­er Heinitz’ lediglich kurze Kon­gress­berichte.25

Nicht zulet­zt zeigte sich Heinitz’ kon­flik­tre­iche Posi­tion inner­halb der Diszi­plin auf dem ersten inter­na­tionalen Kongress der Gesellschaft für Musik­forschung 1950 in Lüneb­urg. Mit Prof. Dr. Friedrich Blume und Prof. Dr. Hans Engel waren zwei sein­er schärf­sten Kri­tik­er an der Organ­i­sa­tion beteiligt.26 Heinitz referierte über die „biol­o­gis­chen Grund­la­gen der musikalis­chen Werkkunde“.27 Engel, der Heinitz’ Homogen­ität­slehre laut einem anony­men Bericht im Spiegel schon zwei Jahre zuvor ver­ris­sen hat­te, sprach in ein­er hitzi­gen Diskus­sion von „bedauer­lich­er Unwis­senschaftlichkeit“ der aufgestell­ten The­sen und einem Affront gegenüber aus­ländis­ch­er Kol­le­gen.28 Der Abdruck seines Refer­ats im Kon­gress­bericht wurde von der Redak­tion wegen anti­semi­tis­ch­er Ten­den­zen abgelehnt, woge­gen Heinitz erwog, gerichtlich vorzuge­hen.29 In einem offe­nen Brief an die „musik­wis­senschaftliche Kol­le­gen­schaft“ recht­fer­tigte Heinitz seine referierten Meth­o­d­en, aus denen sich „unter Umstän­den (wie hier) ein Bild der Rein­heit ras­sis­ch­er Typolo­gie ergibt, wie es bei dem unendlichen Durcheinan­der und der vielfachen Ver­wässerung ander­er, z. T. ide­ol­o­gisch erdichteten und ten­den­z­iös fehlbe­w­erteten Rasseeigen­schaften (auch in dem weit­en Gebi­et der Ver­gle­ichen­den Mw.) wohl nur sel­ten gefun­den wer­den dürfte.“30

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Trotz der regen und inten­siv­en Bemühun­gen gelang es Heinitz kaum, seine ‚Bio­musikolo­gie‘ in der Musik­wis­senschaft zu etablieren. Der Forschungs­bere­ich Musik und Bewe­gung hat heute in der Musik­wis­senschaft dur­chaus eine große Rel­e­vanz erlangt, eben­so wie Per­for­mance-fokussierte Analy­sen von Musik.31 Diese Forschung find­et jedoch größ­ten­teils unter gän­zlich anderen Prämis­sen als denen von Heinitz statt. Sein Ein­fluss auf das musik­wis­senschaftliche Insti­tut ist eher struk­tureller Art: Durch seine Forschung und Lehre etabli­erte Heinitz den Forschungs­bere­ich der Ver­gle­ichen­den Musik­wis­senschaft, der durch Prof. Dr. Hein­rich Hus­mann, der 1949 die Leitung des musik­wissenschaftlichen Insti­tuts über­nahm, mit anderen Schw­er­punk­ten method­isch wie the­ma­tisch erweit­ert fort­ge­führt wurde.32

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Aus den Charts an die Uni: Popularmusik in der Lehre am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg

Von Björn Rohwer

Popularmusik in der Lehre am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg

Der Schlager sei eine „sozialpsy­chol­o­gis­che Ver­such­sanord­nung zur Aus­lö­sung von trieb­haften Ver­hal­tensweisen, deren Folge Bewußt­seinsver­stüm­melung sei“1 – Pop­musik „wie ein unaufhör­lich­er Urlaub, den man doch nur mit Arbeit zubringt“2. Mit diesen drastis­chen Ansicht­en stand Theodor W. Adorno lange keines­falls alleine da. Die hierzu­lande betriebene Musik­wis­senschaft hat­te zunächst nur wenig Platz für Pop­u­lar­musik – in erster Lin­ie konzen­tri­erte sie sich auf die „Große Musik“, also die europäis­che Kun­st­musik der let­zten 300 Jahre.3 Aber galt dieses Ver­hält­nis auch für das Musik­wis­senschaftliche Insti­tut der Uni­ver­sität Ham­burg? Wie kommt es, dass seit dem Win­terse­mes­ter 2016/2017 für Bach­e­lorstudierende der Sys­tem­a­tis­chen Musik­wis­senschaften gar die Beschäf­ti­gung mit „Jazz- und Pop­u­lar­musik­the­o­rie“ zur Pflicht gewor­den ist?4

Diesen Fra­gen möchte ich im Fol­gen­den anhand der Lehrver­anstal­tun­gen des Musik­wis­senschaftlichen Insti­tutes zwis­chen dem Som­merse­mes­ter 1949 und dem Win­terse­mes­ter 2016/2017 nachge­hen.5 Die getrof­fe­nen Aus­sagen ste­hen dabei allerd­ings zum Teil unter dem Vor­be­halt, dass Lehrver­anstal­tun­gen auch nach Druckschluss der Vor­lesungsverze­ich­nisse noch kurzfristig aus­fall­en oder hinzukom­men kön­nen.6 Da diese aber zumin­d­est das Resul­tat ein­er Pla­nungsphase waren, sollte trotz dieser Unschärfe hier ein Bild über den Stel­len­wert und die Entwick­lung der pop­u­lar­musikalis­chen Lehre am Insti­tut geze­ich­net wer­den können.

Die Charts sind nicht genug

Bevor die Beschäf­ti­gung mit Pop­u­lar­musik an den Musik­wis­senschaftlichen Insti­tuten der Uni­ver­sität Ham­burg weit­er unter­sucht wird, sollte gek­lärt wer­den, was an den Ham­burg­er Insti­tuten und somit auch in diesem Beitrag unter diesem Begriff ver­standen wird. Sind es nur die Lieder, die wir tagtäglich in den Charts hören? Für den 2002 her­aus­gegebe­nen 19. Band des Ham­burg­er Jahrbuchs für Musik­wis­senschaften haben die Her­aus­ge­ber Prof. Dr. Hel­mut Rös­ing, Prof. Dr. Albrecht Schnei­der und Dr. Mar­tin Pflei­der­er eine deut­lich bre­it­ere Def­i­n­i­tion gewählt: „[Der Begriff] umfaßt so unter­schiedliche Musik­bere­iche wie volk­stüm­liche Musik, Pop­klas­sik und Schlager, Jazz, Rock, Folk, Operette und Musi­cal, aber auch die soge­nan­nte ‚unpop­uläre‘ pop­uläre Musik, die z. B. in der Inde­pen­dent-Szene und in der neuen Club-Kul­tur gedei­ht.“7 Auch wenn die Her­aus­ge­ber im sel­ben Atemzug erwäh­nen, dass die Beze­ich­nung noch lange nicht aus­disku­tiert ist, son­dern mehr als „grobe Ver­ständi­gungs­marke“8 funk­tion­iert, scheint sie für die Betra­ch­tung der entsprechen­den Lehre am Musik­wis­senschaftlichen Insti­tut der Uni­ver­sität Ham­burg die sin­nvoll­ste zu sein – schließlich wurde sie von prä­gen­den Köpfen der Ham­burg­er Pop­u­lar­musik­forschung aufgestellt.

Startschuss für den Pop?

Es ist schw­er, einen genauen Start­punkt der Beschäf­ti­gung mit Pop­u­lar­musik inner­halb der Lehre am Musik­wis­senschaftlichen Insti­tut der Uni­ver­sität Ham­burg auszu­machen. Vielmehr hat sich die Pop­u­lar­musik über die beson­dere Aus­rich­tung des Ham­burg­er Insti­tutes mit einem Schw­er­punkt auf die Sys­tem­a­tis­che Musik­wis­senschaft sozusagen automa­tisch in den Hochschu­lall­t­ag hineingeschlichen. Rös­ing, Schnei­der und Pflei­der­er schreiben dazu: „[Es] erstaunt […] nicht, daß im Rah­men musikpsy­chol­gisch-exper­i­menteller, musik­sozi­ol­gisch-empirisch­er und musiketh­nol­o­gis­ch­er Arbeit an diesem Insti­tut auch die ver­schieden­sten For­men der pop­ulären Musik wie selb­stver­ständlich in die jew­eili­gen Forschung­spro­gramme mit ein­be­zo­gen wor­den sind.“9 Dort, wo unter anderem die Wirkung von Musik auf Men­sch und Gesellschaft unter­sucht wird, spielt ger­ade die präsente Musik des All­t­ags immer größer­er Bevölkerungs­grup­pen eine Rolle.

Im Som­merse­mes­ter 1973 lan­dete mit „Wort-Ton-Prob­lem in alter und neuer Musik ein­schließlich Folk­lore und Pop-Musik“  das erste Mal eine Ver­anstal­tung mit expliz­it aus­geschriebe­nen Pop­u­lar­musikan­teilen im Lehrplan.10 Im Win­terse­mes­ter 1973/1974 fol­gte dann direkt das erste Sem­i­nar mit einem Schw­er­punkt auf Pop­u­lar­musik: „Inter­diszi­plinäre Aspek­te von Analy­sen der Pop­u­lar­musik“.11 Für bei­de Sem­i­nare war Prof. Dr. Her­mann Rauhe zuständig. Eigentlich seit 1970 im Bere­ich der Erziehungswis­senschaften für Musikpäd­a­gogik zuständig, gab er hier zwei Sem­i­nare am Musik­wis­senschaftlichen Insti­tut.12 Einige Jahre später sollte er als Präsi­dent der Hochschule für Musik und The­ater in Ham­burg mit der Grün­dung des Mod­el­lver­suchs Pop­u­lar­musik (heute Even­tim Pop­kurs) für die Pop­u­lar­musik in Ham­burg prä­gend wer­den.13

Die bei­den Sem­i­nare Rauh­es am Musik­wis­senschaftlichen Insti­tut boten allerd­ings nur ein kurzes, inten­siveres Schlaglicht auf die Pop­u­lar­musik. Nach­dem 1975 die Ham­burg­er Musik­wis­senschaft in die zwei Stu­di­engänge aufgeteilt wurde, „His­torische Musik­wis­senschaft“ und „Sys­tem­a­tis­che Musik­wis­senschaft“ (s. Beitrag zur Teilung der Stu­di­engänge“), rück­te die Beschäf­ti­gung mit Pop­u­lar­musik zurück in den größeren Kon­text sozi­ol­o­gis­ch­er und psy­chol­o­gis­ch­er Sem­i­nare und damit schw­er­punk­thaft in das Ange­bot der Sys­tem­a­tis­chen Musik­wis­senschaften. Ger­ade die Ver­anstal­tun­gen Prof. Dr. Vladimir Kar­bu­sick­ys, von 1976 bis 1990 Pro­fes­sor für Sys­tem­a­tis­che Musik­wis­senschaften am Insti­tut, bezo­gen pop­u­lar­musik­wis­senschaftliche The­men ein, wie etwa „Sozi­olo­gie und Ästhetik der musikalis­chen Massenkul­tur“14 (WiSe 1979/80) oder „Triv­ial­musik, Umgangsmusik, Massenkul­tur“15 (SoSe 1981). Im Win­terse­mes­ter 1984/1985 fol­gte mit „Zur Sozi­olo­gie und Geschichte der Rock­musik“ dann unter der Leitung von Schnei­der wieder ein Sem­i­nar, mit auss­chließlich pop­u­lar­musikalis­chen Inhal­ten.16

Die Ära Schneider, Rösing und Pfleiderer

Schnei­der trat 1983 eine Pro­fes­sur für Sys­tem­a­tis­che Musik­wis­senschaft an der Uni­ver­sität Ham­burg an und bot mit den The­ma „Zur Sozi­olo­gie und Geschichte der Rock­musik“ das erste Sem­i­nar, das sich genauer mit der his­torischen Dimen­sion eines bes­timmten Zweiges der Pop­u­lar­musik auseinan­der­set­zen sollte, aber durch die Sozi­olo­gie auch klar im Feld der Sys­tem­a­tis­chen Musik­wis­senschaft verortet war. Es fol­gten ver­schiedene Ver­anstal­tun­gen ähn­lich­er Rich­tung wie „Zur Sozi­olo­gie und Sozialgeschichte pop­ulär­er Musik, Teil I“17 (SoSe 1989), und „Sozi­olo­gie und Geschichte der pop­ulären Musik in Eng­land 1960/1970“18 (SoSe 2006). Regelmäßig fan­den des weit­eren Sem­i­nare zu dem eher wirtschaftlich ori­en­tierten The­ma „Musik und Recht“19 (u. a. SoSe 1985, SoSe 1989, WiSe 1995/96 und SoSe 2005) statt. Als Man­ag­er in der Musik­wirtschaft beschäftigte Schnei­der sich bere­its vor sein­er Pro­fes­sur mit Urheber‑, Medi­en- und dem Sozialver­sicherungsrecht für Kün­stler – es fol­gten daraus nicht nur besagte Lehrver­anstal­tun­gen, son­dern auch zahlre­iche Veröf­fentlichun­gen.20 Mit ins­ge­samt 17 Lehrver­anstal­tun­gen zu direkt oder indi­rekt pop­u­lar­musik­wis­senschaftlichen The­men war Schnei­der bis zum Som­merse­mes­ter 2011 die zen­trale Stütze dieses Zweiges am Musik­wis­senschaftlichen Institut.

Abbil­dung 1: Sem­i­nare zur Pop­u­lar­musik bei den Sys­tem­a­tis­chen Musik­wis­senschaften 1993–2017. Die dargestell­ten Prozen­tangaben zeigen den Anteil der Sem­i­nare mit Pop­u­lar­musik-Bezug in den Sys­tem­a­tis­chen Musik­wis­senschaften bezo­gen auf die Gesamtzahl der Sem­i­nare pro Zeitraum.

Neben Schnei­der sorgten im Umfeld der Jahrtausendwende zusät­zlich Rös­ing und Pflei­der­er für eine regel­rechte Pop-Hoch-Zeit. Rös­ing kam 1993 an das Insti­tut und war bere­its zuvor seit 1986 Her­aus­ge­ber der Beiträge zur Pop­u­lar­musik­forschung des Arbeit­skreis­es Studi­um Pop­ulär­er Musik (ASPM). Als Her­aus­ge­ber eben dieser Schriften­rei­he trat seit 1996 dann auf Wun­sch Rös­ings auch das Musik­wis­senschaftliche Insti­tut auf.21 Zu seinen Sem­i­naren zählten sowohl direk­te Auseinan­der­set­zun­gen mit der Geschichte der Pop­u­lar­musik (z. B. „Rock­musik in den 80ern“22 (SoSe 1995)) als auch Ver­anstal­tun­gen zur Wirkung und Rezep­tion der Pop­u­lar­musik (z. B. „Musikalis­che Lebenswel­ten Jugendlich­er“23 (SoSe 1999)). Die Wichtigkeit der Pop­u­lar­musik im All­t­ag – ger­ade dem All­t­ag Jugendlich­er – stellte Rös­ing unter anderem in dem gemein­sam mit Prof. Dr. Her­bert Bruhn24 erar­beit­eten Werk „Musik­wis­senschaft. Ein Grund­kurs“25 heraus.

Weit­ere Impulse der Pop­u­lar­musik­forschung bracht­en in den 1990er-Jahren Prof. Dr. Peter Niklas Wil­son und Prof. Dr. Rein­hard Flen­der an das Insti­tut. Wil­son war selb­st Jazzmusik­er und arbeite so sowohl prak­tisch als auch wis­senschaftlich-the­o­retisch an The­men wie dem Crossover zwis­chen Jazz und Pop.26 Nach sein­er Pro­mo­tion 1984 und Habil­i­ta­tion 1994 lehrte er an der Uni­ver­sität Ham­burg als Pri­vat­dozent (u. a. im SoSe 1999 „Welt­musik: Aspek­te eines prob­lema­tis­chen Begriffs“27). Flen­der pro­movierte zunächst 1988 in Ham­burg zum The­ma bib­lis­chen Sprechge­sang.28 Zusät­zlich beschäftigte er sich bere­its zu der Zeit mit Pop­u­lar­musik und lehrte nach sein­er Habil­i­ta­tion 1994 eben­falls als Pri­vat­dozent an den Musik­wis­senschaftlichen Insti­tuten (u. a. im WiSe 2013/14 „Neue Musik & Jazz in Ham­burg“29).

Pflei­der­er trat nach sein­er Pro­mo­tion an der Uni­ver­sität Gießen zur „Rezep­tion asi­atis­ch­er und afrikanis­ch­er Musik im Jazz der 60er und 70er Jahre“ 1999 eine Stelle als wis­senschaftlich­er Assis­tent für Sys­tem­a­tis­che Musik­wis­senschaft in Ham­burg an. Bis zu sein­er Habil­i­ta­tion im Jahr 200530 hielt er ins­ge­samt neun Sem­i­nare zum bre­it­en Spek­trum der pop­u­lar­musikalis­chen Gen­res – ob Jazz (WiSe 2004/05),31 World Music (SoSe 1999),32 Soul, Funk und HipHop (SoSe 2002)33 oder Pop­u­lar­musik im All­ge­meinen (WiSe 2002/03).34 Ger­ade diese Zeit, in der sich sowohl Schnei­der, Rös­ing als auch Pflei­der­er am Insti­tut befan­den, ist mit im Schnitt drei Ver­anstal­tun­gen mit pop­u­lar­musikalis­chem Bezug pro Semes­ter ein­deutig ein Höhep­unkt dieses Zweiges – zumin­d­est auf Seit­en der Sys­tem­a­tis­chen Musikwissenschaften.

Als der Pop Geschichte wurde

Für die His­torischen Musik­wis­senschaften markiert die Ringvor­lesungsrei­he „Amerikanis­che Musik im 20. Jahrhun­dert“ den Start­punkt der Pop­u­lar­musik im Lehrange­bot. Im Novem­ber 1993 wurde sie unter der Leitung von Dr. Annette Kreutziger-Herr, zu diesem Zeit­punkt wis­senschaftliche Assis­tentin für His­torische Musik­wis­senschaften am Insti­tut,35 vom Insti­tut­srat genehmigt.36 Finanziert wurde die Vor­tragsrei­he und das daraus ent­standene Buch von der Arbeitsstelle für wis­senschaftliche Weit­er­bil­dung der Uni­ver­sität Ham­burg, der Unit­ed States Infor­ma­tion Agency in Deutsch­land sowie durch das Ameri­ka Haus Ham­burg.37 Im Win­terse­mes­ter 1994/1995 startete die erste Ringvor­lesung unter dem Titel „Aspek­te amerikanis­ch­er Musik im 20. Jahrhun­dert“38 in der neben Vorträ­gen zu „Paul Dessau in den USA“  (Prof. Dr. Peter Petersen) und „Charles Ives – Weg­bere­it­er der amerikanis­chen Mod­erne“ (Dr. Wolf­gang Rathert)39 auch „Schwarze Tra­di­tio­nen in Rock und Pop“ (Rös­ing) und „Die Reise zu ein­er Musik ohne Noten“ (Prof. Dr. Man­fred Stahnke)40 zum The­ma wur­den.41 Die Ringvor­lesung wurde über­wiegend von Pro­fes­soren, wis­senschaftlichen Mitar­beit­ernIn­nen und freien Dozen­tenIn­nen des Musik­wis­senschaftlichen Insti­tut selb­st gestal­tet – die Vor­tra­gen­den Rathert (Uni­ver­sität der Kün­ste Berlin), Heinz Geuen (Uni­ver­sität Kas­sel)42 oder Dr. Wern­er Grünzweig (Akademie der Kün­ste Berlin)43 ergänzten das Port­fo­lio. Im Win­terse­mes­ter 1995/1996 fol­gte mit „Die Rezep­tion amerikanis­ch­er Musik in der BRD“ die zweite Ringvor­lesung dieser Rei­he – dieses Mal und der Leitung von Dr. Uwe Seifert44 und Rös­ing.45

Nach­dem im Fol­gen­den nur sehr wenige Sem­i­nare mit Pop­u­lar­musik-Bezug gehal­ten wur­den,46 zog ab 2009 diese Rich­tung mit im Schnitt einem Sem­i­nar pro Semes­ter kon­tinuier­lich­er in das Feld der His­torischen Musik­wis­senschaft ein. Hier­bei sticht vor allem Prof. Dr. Friedrich Geiger her­aus, der mit „Slang of Ages: Steely Dan 1972–2009“47 (SoSe 2009) sowie dem zweimal gehal­te­nen Sem­i­nar „Michael Jack­son ver­sus Prince“48 (SoSe 2010 und SoSe 2015 gemein­sam mit Ralph Kogel­hei­de) erst­mals am Musik­wis­senschaftlichen Insti­tut der Uni­ver­sität Ham­burg einzelne Kün­stler der Pop­u­lar­musik in das Zen­trum eines Sem­i­nars stellte. Weit­er hielt er im Win­terse­mes­ter 2015/2016 gemein­sam mit Prof. Dr. Silke Segler-Meßn­er ein Sem­i­nar zum The­ma „Nar­ra­tive der Erin­nerung: NS-Zeit in Film und Musik“49 und band unter anderem auch in die Vor­lesung und Übung zum The­ma „Musik in Deutsch­land im 20. Jahrhun­dert“ im Win­terse­mes­ter 2016/2017 Sitzun­gen zu pop­u­lar­musikalis­chen Entwick­lun­gen ein.

Abbil­dung 2: Sem­i­nare zur Pop­u­lar­musik bei den His­torischen Musik­wis­senschaften 1993–2017. Die dargestell­ten Prozen­tangaben zeigen den Anteil der Sem­i­nare mit Pop­u­lar­musik-Bezug in den His­torischen Musik­wis­senschaften bezo­gen auf die Gesamtzahl der Sem­i­nare pro Zeitraum.
Systematik und Popularmusiklehre heute

Bei den Sys­tem­a­tis­chen Musik­wis­senschaften zählt die Pop­u­lar­musik heute zu einem der fest ver­ankerten Bausteine des Studi­ums. Auch nach dem Weg­gang Pflei­der­ers und der Emer­i­tierung Rös­ings und Schnei­ders gab es in jedem Semes­ter Ange­bote in diesem The­menge­bi­et. Beson­ders regelmäßig find­en dabei die Ver­anstal­tun­gen Dr. Marc Pendzichs statt, der nach sein­er Pro­mo­tion bei Schnei­der im Jahr 2003 zum The­ma „Von der Cov­erver­sion zum Hit-Recy­cling“50 bis heute kon­tinuier­lich Sem­i­nare zu The­men wie Recht, Wirtschaft und Poli­tik hält – immer eng an Pop­u­lar­musik gebunden.

Neben ihm trat­en in den let­zten Jahren vor allen Din­gen der Insti­tut­sleit­er Prof. Dr. Rolf Bad­er (u. a. mit mehreren Sem­i­naren zum The­ma Jaz­zrock und Fusion), Prof. Dr. Clemens Wöll­ner (u. a. in Zusam­me­nar­beit mit Prof. Dr. Kathrin Fahlen­brach des Insti­tutes für Medi­en & Kom­mu­nika­tion zum The­ma „Ästhetik und Wahrnehmung von Musik in Film, Wer­bung und Com­put­er­spie­len“51) sowie die Dok­toran­den Hen­ning Albrecht (mit dem Schw­er­punkt auf Film­musik) und Michael Blaß (zu Punk und Zeck­en­rap) mit Sem­i­naren mit Pop­u­lar­musik­bezug auf. Spätestens seit dem Win­terse­mes­ter 2016/2017 ist die Pop­u­lar­musik schließlich durch das neue Bach­e­lor-Pflicht­fach „Jazz- und Pop­u­lar­musik­the­o­rie“ endgültig im Stu­di­en­leben der Ham­burg­er Sys­tem­a­tis­chen Musik­wis­senschaften angekom­men.52

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