Die Etablierung eines neuen Forschungszweiges: Wilhelm Heinitz’ ‚Biomusikologie‘ in der disziplinären Öffentlichkeit

Von Jana Kummer

Lebenslauf Wil­helm Heinitz
Abbil­dung 1: Wil­helm Heinitz, aus: Ethno­graph­ic Sound Record­ings Archive, Insti­tut für Sys­tem­a­tis­che Musikwissenschaft

Wil­helm Heinitz war von 1915 bis 1948 am Kolo­nialin­sti­tut (s. Beitrag zu „Anfänge der Ham­burg­er Musik­wis­senschaft“) und der Uni­ver­sität in Ham­burg angestellt (s. Lebenslauf). Während sein­er akademis­chen Lauf­bahn vom wis­senschaftlichen Hil­f­sar­beit­er zum Pro­fes­sor unter­nahm er vielfältige Ver­suche, Ham­burg als einen ‚Stan­dort‘ für Ver­gle­ichende Musik­wis­senschaft zu etablieren. In diesem Rah­men entwick­elte er seine soge­nan­nte ‚Bio­musikolo­gie‘, die er in der diszi­plinären Öffentlichkeit auf hart­näck­ige und mitunter prä­ten­tiöse Art und Weise vertrat.1 Anhand aus­gewählter Pub­lika­tio­nen sowie Kon­gress­beiträge soll im Fol­gen­den skizziert wer­den, wie Heinitz seine Forschun­gen in der Musik­wis­senschaft zu etablieren suchte.

Heinitz Biomusikologie als Teil der Vergleichenden Musikwissenschaft

Bere­its 1915 war Heinitz – zunächst noch ohne akademis­chem Abschluss – mit den Forschun­gen der damals bekan­ntesten Vertreter der deutschen Ver­gle­ichen­den Musik­wis­senschaft in Kon­takt gekom­men: jenen von Prof. Dr. Carl Stumpf und Dr. Erich M. von Horn­bostel. Spätestens seit 1918 bestand auch per­sön­lich­er Kon­takt.2 So griff er in den ersten Jahren sein­er Anstel­lung auch auf deren Meth­o­d­en zurück, z. B. auf Ton­höhen­mes­sun­gen nach dem Tonome­ter oder auf den Tran­skrip­tion­s­stan­dard nach Horn­bostel und Dr. Otto Abra­ham.3 Nach sein­er Dis­ser­ta­tion im Fach Psy­cholo­gie bei Prof. Dr. Götz Mar­tius in Kiel 19204 entwick­elte er allmäh­lich eigene Meth­o­d­en und The­sen, die er unter dem Begriff ‚Bio­musikolo­gie‘ zusam­men­fasste und für die er eine spez­i­fis­che, der Phonetik entlehnte Ter­mi­nolo­gie anwandte.5 Diese ist gekennze­ich­net durch die Prämisse, dass Musik zuallererst Bewe­gung sei und dass es biol­o­gisch notwendi­ge Eige­narten gäbe, wie sich ein Men­sch musikalisch artikuliert (s. Abb. 2). Angelehnt an die soge­nan­nte ‚Rutzsche Typen­lehre‘6 suchte er selb­st nach biol­o­gisch typ­is­chen musikalis­chen Aus­drucksmerk­malen von Indi­viduen, Völk­ern oder „Rassen“.7 Sein empirisch-induk­tives Vorge­hen mit dem Ziel, uni­verselle Geset­ze aufzustellen, war charak­ter­is­tisch für die gesamte Ver­gle­ichende Musik­wis­senschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts, wurde jedoch zuweilen auch eben dort prob­lema­tisiert.8 Die stetige Beto­nung der all­ge­meinen Zuver­läs­sigkeit und Aus­sagekraft der Ergeb­nisse „exak­ter natur­wis­senschaftlich­er“ Meth­o­d­en und „plan­mäßiger Exper­i­mente“ diente Heinitz auch als Legit­imierungsstrate­gie für seine noch nicht etablierten Meth­o­d­en.9

Abbil­dung 2: End­be­we­gungsphasen eines 2. Tak­tschlages (3/4‑Takt) unter­schiedlich­er Werke, aus: Vox 21/1 (1935) , S. 71
Disziplinäre Resonanz: Heinitz’ Publikationen im Licht seiner Rezensenten

Schon im Jahr sein­er Anstel­lung als wis­senschaftlich­er Hil­f­sar­beit­er am Phonetis­chen Lab­o­ra­to­ri­um begann Heinitz in wis­senschaftlichen Zeitschriften zu pub­lizieren.10 Bis zu ihrer Ein­stel­lung 1936 veröf­fentliche er regelmäßig Artikel in der vom Phonetis­chen Lab­o­ra­to­ri­um her­aus­gegebe­nen Zeitschrift Vox, die sich als Zeitschrift für exper­i­mentelle Phonetik ver­stand. Nach sein­er Dis­ser­ta­tion veröf­fentlichte er außer­dem zunehmend in musik­wis­senschaftlichen Fachzeitschriften.11

Seine Pub­lika­tio­nen wur­den äußerst ambiva­lent beurteilt. Exem­plar­isch lässt sich dies an der Res­o­nanz, die seine Habil­i­ta­tion­ss­chrift her­vor­rief, ver­an­schaulichen. Während Prof. Dr. Robert Lach Heinitz’ Habil­i­ta­tion­ss­chrift Struk­tur­prob­leme in prim­i­tiv­er Musik als „ein Muster­beispiel echter deutsch­er wis­senschaftlich­er Akri­bie und Solid­ität“ und „ein förm­lich­es Kom­pendi­um der ver­gle­ichend-musik­wis­senschaftlichen Arbeit­stech­nik und ‑meth­ode“ beurteilte,12 kri­tisierte Dr. Georg Her­zog, zunächst Assis­tent von Stumpf und Horn­bostel und später Schüler Prof. Dr. Franz Boas’, einen Man­gel an geschichtlich­er Per­spek­tive und kul­turellem Set­ting. Er beurteilte fern­er die Methodik als dem kom­plex­en Gegen­stand nicht angemesse­nen und unaus­gereift.13 Horn­bostel selb­st hat­te sein­erzeit die Meth­o­d­en in Heinitz’ erstem Habil­i­ta­tion­sen­twurf (1924) eben­falls als zu sta­tis­tisch und zu unergiebig kri­tisiert.14

In einem recht kurz gehal­te­nen Nachruf beschrieb Prof. Dr. Walther Vet­ter, der von 1929 bis 1934 eben­falls in Ham­burg Lehrbeauf­tragter war, Heinitz als „sich rast­los mühen­den Forsch­er“, als „prob­lema­tis­chen Charak­ter“. Ander­er­seits hielt er ihm zugute, sich bewusst nicht abgekapselt zu haben.15

Heinitz’ Biomusikologie im „Dritten Reich“

1934 wurde am Phonetis­chen Lab­o­ra­to­ri­um die Forschungsabteilung für Ver­gle­ichende Musik­wis­senschaft gegrün­det, deren erster und einziger Leit­er Heinitz blieb.16 In Berlin waren Ver­gle­ichende Musik­wis­senschaftler wie Horn­bostel, Dr. Curt Sachs und Dr. Robert Lach­mann schon als Juden oder soge­nan­nte „Hal­b­ju­den“ von den Nation­al­sozial­is­ten ent­lassen und emi­gri­ert. Heinitz’ Posi­tion im nation­al­sozial­is­tis­chen Deutsch­land war von Ambivalen­zen geprägt. Zum einen lässt sich fest­stellen, dass er ab 1938 ver­mehrt zum The­ma Musik und Rasse pub­lizierte.17 Auf­grund sein­er biol­o­gis­chen Per­spek­tive, sein­er an Rutz und Siev­ers ori­en­tierten Typen­lehre und seines Uni­ver­sal­ität­sanspruchs hat­te seine Forschung dur­chaus eine Schnittmenge mit der NS-Rassenide­olo­gie. Schon 1928 betonte Heinitz die große Bedeu­tung der Völk­erpsy­cholo­gie, die jedoch biol­o­gisch fundiert wer­den müsse, um „in die biol­o­gis­che Notwendigkeit eines bes­timmten musikalis­chen Fall­es ein­drin­gen zu kön­nen“.18 Zum anderen wurde er vom Regime als ide­ol­o­gisch nicht ein­wand­frei beurteilt. Beispiel­sweise wurde ihm seine kurze, aber erst nach Jan­u­ar 1933 been­dete Mit­glied­schaft in der Johan­nis­loge bis 1945 immer wieder ange­lastet.19 Zudem pro­movierte er 1938 den pol­nis­chen Juden Rafael Broches,20 der noch im sel­ben Jahr deportiert und ver­mut­lich 1941 im KZ ermordet wurde.21

Universalitätsanspruch und Konflikte: Heinitz’ Kongressteilnahmen

Obgle­ich Heinitz selb­st nie einen Kongress in Ham­burg aus­gerichtet hat, nahm er an ein­er Vielzahl von Kon­gressen teil. Die diversen Kon­gressteil­nah­men zeu­gen von seinen regen Unternehmungen, seine Forschun­gen in der Diszi­plin und darüber hin­aus bekan­nt zu machen. Er besuchte sowohl Kon­gresse mit musikgeschichtlichen The­men­schw­er­punk­ten, als auch all­ge­mein musik­wis­senschaftliche, phonetis­che und anthro­pol­o­gis­che.22 Zwei Beispiele ver­an­schaulichen sein engagiertes wie stre­it­bares Auftreten.

Im März 1932 nahm Heinitz am Kairoer Kongress für ara­bis­che Musik teil. Unter der Schirmherrschaft von König Fuad I. wurde auf dem inter­na­tionalen Kongress zwei Wochen lang in ver­schiede­nen Sek­tio­nen über Geschichte und Gegen­wart der ara­bis­chen Musik disku­tiert. Neben ein­er Vielzahl von ara­bis­chen Gelehrten, Kom­pon­is­ten und Poet­en waren auch mehrere europäis­che Musik­wis­senschaftler zu dem Kongress ein­ge­laden, „in order to dis­cuss all that was required to make the music civ­i­lized, and to teach it and rebuild it on acknowl­edged sci­en­tif­ic prin­ci­ples“, wie es im Kon­gress­bericht heißt.23 Neben Sachs, der auch an der Organ­i­sa­tion beteiligt war, nah­men auch Hornbostel, Lach­mann, Prof. Dr. Johannes Wolf und Paul Hin­demith teil. Par­tizip­iert hat Heinitz zum einen an der „Sek­tion für Musikin­stru­mente“, zum anderen an der „Sek­tion für Auf­nah­mean­gele­gen­heit­en“, welche einzelne Stücke der angereis­ten Ensem­bles auswählte, um von ihnen Tonauf­nah­men anzufer­ti­gen. Ein Ergeb­nis dieser Arbeit ist die nahezu voll­ständi­ge Samm­lung der Tonauf­nah­men des Kon­gress­es, die nachträglich an die Forschungsabteilung gesandt wur­den und auch heute noch im Insti­tut zugänglich sind (s. Beitrag zur „Samm­lung ethno­graphis­ch­er Ton­träger“). In der Diskus­sion trat Heinitz zusät­zlich für eine filmis­che Doku­men­ta­tion der Auf­führun­gen ein, die jedoch nicht real­isiert wurde.24 Diese hät­ten auch sein­er angestrebten bio­musikol­o­gis­chen Unter­suchung genutzt, zu der er jedoch im Nach­hinein nichts veröf­fentlichte – let­z­tendlich erschienen aus der Fed­er Heinitz’ lediglich kurze Kon­gress­berichte.25

Nicht zulet­zt zeigte sich Heinitz’ kon­flik­tre­iche Posi­tion inner­halb der Diszi­plin auf dem ersten inter­na­tionalen Kongress der Gesellschaft für Musik­forschung 1950 in Lüneb­urg. Mit Prof. Dr. Friedrich Blume und Prof. Dr. Hans Engel waren zwei sein­er schärf­sten Kri­tik­er an der Organ­i­sa­tion beteiligt.26 Heinitz referierte über die „biol­o­gis­chen Grund­la­gen der musikalis­chen Werkkunde“.27 Engel, der Heinitz’ Homogen­ität­slehre laut einem anony­men Bericht im Spiegel schon zwei Jahre zuvor ver­ris­sen hat­te, sprach in ein­er hitzi­gen Diskus­sion von „bedauer­lich­er Unwis­senschaftlichkeit“ der aufgestell­ten The­sen und einem Affront gegenüber aus­ländis­ch­er Kol­le­gen.28 Der Abdruck seines Refer­ats im Kon­gress­bericht wurde von der Redak­tion wegen anti­semi­tis­ch­er Ten­den­zen abgelehnt, woge­gen Heinitz erwog, gerichtlich vorzuge­hen.29 In einem offe­nen Brief an die „musik­wis­senschaftliche Kol­le­gen­schaft“ recht­fer­tigte Heinitz seine referierten Meth­o­d­en, aus denen sich „unter Umstän­den (wie hier) ein Bild der Rein­heit ras­sis­ch­er Typolo­gie ergibt, wie es bei dem unendlichen Durcheinan­der und der vielfachen Ver­wässerung ander­er, z. T. ide­ol­o­gisch erdichteten und ten­den­z­iös fehlbe­w­erteten Rasseeigen­schaften (auch in dem weit­en Gebi­et der Ver­gle­ichen­den Mw.) wohl nur sel­ten gefun­den wer­den dürfte.“30

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Trotz der regen und inten­siv­en Bemühun­gen gelang es Heinitz kaum, seine ‚Bio­musikolo­gie‘ in der Musik­wis­senschaft zu etablieren. Der Forschungs­bere­ich Musik und Bewe­gung hat heute in der Musik­wis­senschaft dur­chaus eine große Rel­e­vanz erlangt, eben­so wie Per­for­mance-fokussierte Analy­sen von Musik.31 Diese Forschung find­et jedoch größ­ten­teils unter gän­zlich anderen Prämis­sen als denen von Heinitz statt. Sein Ein­fluss auf das musik­wis­senschaftliche Insti­tut ist eher struk­tureller Art: Durch seine Forschung und Lehre etabli­erte Heinitz den Forschungs­bere­ich der Ver­gle­ichen­den Musik­wis­senschaft, der durch Prof. Dr. Hein­rich Hus­mann, der 1949 die Leitung des musik­wissenschaftlichen Insti­tuts über­nahm, mit anderen Schw­er­punk­ten method­isch wie the­ma­tisch erweit­ert fort­ge­führt wurde.32

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Wie alles begann — Die Anfänge der Hamburger Musikwissenschaft

Von Katha­ri­na Holz

Der fol­gende Text nimmt Sie mit auf die Entwick­lungsreise der Musik­wis­senschaft in Ham­burg. Diese Reise ver­lief keineswegs ger­adlin­ig. Sie dauerte rund 40 Jahre, bevor sie in der Grün­dung des Musik­wis­senschaftlichen Insti­tuts im Jahr 1949 ein erstes Ziel erre­ichte. Auf dem Weg dor­thin waren ver­schiedene Sta­tio­nen von beson­der­er Bedeu­tung. Begonnen wer­den muss beim Ham­burg­er Kolo­nialin­sti­tut, welch­es bere­its rund 10 Jahre vor der Uni­ver­sitäts­grün­dung 1919 bestand. An diesem Insti­tut ent­stand 1910 das Phonetis­che Lab­o­ra­to­ri­um, wo neben der Sprach­forschung auch Klang­forschung betrieben wurde. Später bein­hal­tete das Lab­o­ra­to­ri­um sog­ar eine sep­a­rate Forschungsabteilung für Ver­gle­ichende Musik­wis­senschaft. Seit Uni­ver­sitäts­grün­dung gab es musikalis­che Übun­gen, aus denen schließlich das Uni­ver­sitäts-Musikin­sti­tut her­vorg­ing, welch­es im Jahr 1947 mit der Forschungsabteilung zusam­menge­fasst wurde. Zwei Jahre später, im Jahr 1949 wurde dann das Musik­wis­senschaftliche Insti­tut an der Uni­ver­sität Ham­burg gegrün­det. Diese Sta­tio­nen auf dem Weg zur Insti­tu­tion­al­isierung der Musik­wis­senschaft in Ham­burg wer­den in den näch­sten Abschnit­ten genauer beleuchtet. Kom­men Sie also mit auf die Reise der Ham­burg­er Musik­wis­senschaft und ent­deck­en Sie, wie alles begann!

Die Zeit vor der Universität in Hamburg: Kolonialinstitut und Allgemeines Vorlesungswesen

Mitte des 18. Jahrhun­derts began­nen im Deutschen Reich Kolonisierungs­be­stre­bun­gen. Den anderen Kolo­nialmächt­en nacheifer­nd, hat­te das Deutsche Reich Anfang des 19. Jahrhun­derts zahlre­iche Kolonien.1 Mit der wach­senden Bedeu­tung der Kolonien wuchs auch der Wun­sch nach ein­er besseren Aus­bil­dung der Kolo­nial­beamten.2 Bern­hard Dern­burg, Staatssekretär des Reich­skolo­nialamts, informierte den dama­li­gen Bürg­er­meis­ter Ham­burgs, Dr. Johann Hein­rich Bur­chard, im April 1907 darüber, „dass es in der Absicht des Reich­es läge, für die kolo­nialen Wis­senschaften einen Lehrstuhl […] mit ordentlichen Pro­fes­suren zu erricht­en.“3 Der Ham­burg­er Eth­nologe Georg Thile­nius ver­han­delte erfol­gre­ich mit Dern­burg, welch­er in einem Schreiben an den Sen­at betonte, Ham­burg sei „der geeignete Platz für die Vor­bil­dung von Pri­vat­per­so­n­en wie Beamten für eine Tätigkeit in den Kolonien.“4

Am 6. April 1908 wurde die Errich­tung eines Kolo­nialin­sti­tuts in Ham­burg vom Sen­at in Übere­in­stim­mung mit der Bürg­er­schaft beschlossen und als Gesetz verkün­det.5 In den fol­gen­den Jahren wur­den im Ham­burg­er Kolo­nialin­sti­tut Kolo­nial­beamte, Kau­fleute, Land­wirte und Mis­sion­are aus­ge­bildet. Auf dem Lehrplan standen neben prax­isori­en­tierten The­men (Tropen­hy­giene, Tierzucht, Segeln) die Lan­des- und Völk­erkunde, Mis­sion­skunde, Natur­wis­senschaften, Geschichte, Rechts- und Staatswis­senschaft sowie Sprachkurse.6 Kurse zum The­ma Musik sucht man auf dem Lehrplan des Kolo­nialin­sti­tuts verge­blich. Den­noch ist es eine wichtige Stufe auf dem Weg zur Insti­tu­tion­al­isierung der Musik­wis­senschaft in Ham­burg. Denn der Afrikanist Pro­fes­sor Carl Mein­hof, der das Sem­i­nar für Kolo­nial­sprachen leit­ete, forderte die Ein­rich­tung ein­er phonetis­chen Forschungsabteilung, um die Sprachen und Laute der kolo­nialen Völk­er bess­er erforschen zu kön­nen. Damit war der Grund­stein für das Phonetis­che Lab­o­ra­to­ri­um gelegt, welch­es 1910 gegrün­det wurde und sein­er­seits als ein Entste­hung­sort der Musik­wis­senschaft in Ham­burg gel­ten kann.7

Gle­ichzeit­ig mit den Kursen des Kolo­nialin­sti­tuts wur­den im Rah­men des All­ge­meinen Vor­lesungswe­sens vere­inzelt Vor­lesun­gen zum The­ma Musik gehal­ten. Doch diese waren inhaltlich sehr begren­zt. In den Jahren 1908–1919 gab es lediglich Vor­lesun­gen zu ver­schiede­nen Werken von Richard Wag­n­er.8 Während des ersten Weltkriegs nah­men die Stu­den­ten- und Dozen­ten­zahlen dann drastisch ab. Schließlich ver­lor das Kolo­nialin­sti­tut nach dem Krieg und der Auflö­sung der Kolonien gän­zlich seine Bedeu­tung. Die verbliebe­nen Lehrver­anstal­tun­gen, Stu­den­ten und Dozen­ten des Kolo­nialin­sti­tuts wur­den in die 1919 gegrün­dete Uni­ver­sität Ham­burgs eingegliedert.9

Das Phonetische Laboratorium
Abbil­dung 1: Giulio Pan­con­cel­li-Calzia bei der Aufze­ich­nung des Kehltons mit dem Kymographen.

Am 1. Okto­ber 1910, nur ein Jahr nach Mein­hofs Ernen­nung zum Pro­fes­sor, nahm das Phonetis­che Lab­o­ra­to­ri­um seine Arbeit unter der Leitung von Dr. Giulio Pan­con­cel­li-Calzia auf (s. Abb. 1).10 Dieser war zuvor Leit­er des Phonetis­chen Kabi­netts in Mar­burg gewe­sen und ver­fügte sowohl über Erfahrung als auch über Tatkraft.11

Im Ham­burg­er Phonetis­chen Lab­o­ra­to­ri­um wur­den im Fol­gen­den mit diversen Appa­ra­turen Laut­stärken, Laut­for­men, Sprachk­länge und Schallschwingun­gen aufgeze­ich­net. Außer­dem befasste sich das Labor mit den physis­chen Vorgän­gen beim Sprechen. Für Men­schen mit Stimm- oder Sprach­fehlern war eine Stimm- und Sprech­ber­atungsstelle ein­gerichtet.12 Auch musikalis­che The­men, vor allem im Hin­blick auf die überseeis­chen Kolo­nialvölk­er, rück­ten ins Blickfeld. 

Pan­con­cel­li-Calzia selb­st hielt neben seinen Forschungstätigkeit­en zahlre­iche Kurse, beispiel­sweise eine Ein­führung in die all­ge­meine Phonetik, ein phonetis­ches Prak­tikum und eine Übung zum selb­st­ständi­gen phonetis­chen Arbeit­en. Spezielle Berück­sich­ti­gung fan­den dabei die afrikanis­chen Sprachen.13 Ab dem Win­terse­mes­ter 1916/17 unter­stützte Wil­helm Heinitz (s. Beitrag zu Heinitz’ „Etablierung eines neuen Forschungszweiges“) die phonetis­chen Prak­ti­ka, die Pan­con­cel­li-Calzia anbot.14 Heinitz begann als wis­senschaftlich­er Mitar­beit­er im Phonetis­chen Lab­o­ra­to­ri­um, war ab 1930 als Pri­vat­dozent und ab 1933 als Pro­fes­sor tätig.15 Er beschäftigte sich während sein­er Tätigkeit ver­mehrt und später auss­chließlich mit der Ver­gle­ichen­den Musik­wis­senschaft. Diese unter­sucht Musik, Gesänge und Ton­träger ver­schieden­er Völk­er und Län­der und stellt zu ethno­graphis­chen Zweck­en Ver­gle­iche an.16 Das Phonetis­che Lab­o­ra­to­ri­um ver­fügte so bald über eine eigene Schallplat­ten­samm­lung, welche dem Zweck diente, Sprache und Musik fremder Völk­er zu erforschen.17

Der erste Weltkrieg verän­derte den Arbeit­sall­t­ag des Labors drastisch. Hat­te die kura­tive Behand­lung von Sprach­störun­gen zuvor nur einen gerin­gen Anteil ein­genom­men, so beschäftigten sich Pan­con­cel­li-Calzia und seine Mitar­beit­er nun ver­stärkt mit der Sprach­heil­be­hand­lung kriegs­geschädigter Sol­dat­en.18 1916 ent­stand sog­ar eine Außen­stelle des Phonetis­chen Lab­o­ra­to­ri­ums auf dem Gelände eines Ham­burg­er Kranken­haus­es. Dort behan­del­ten Phonetik­er und Ärzte gemein­sam die durch den Krieg verur­sacht­en Sprach‑, Sprech- und Hörstörun­gen.19

Pan­con­cel­li-Calzia selb­st geri­et während des ersten Weltkrieges in den Ver­dacht, ein ital­ienis­ch­er Spi­on zu sein und im Lab­o­ra­to­ri­um „Abhorch­maschi­nen“ zu bauen und zu ver­wen­den.20 In einem Brief an das Prä­sid­i­um der Verkehrstech­nis­chen Prü­fungskom­mis­sion trat Bürg­er­meis­ter Wern­er von Melle für Pan­con­cel­li-Calzia ein und beschrieb ihn als deutschen Unter­tan und Ham­burg­er Staats­beamten, welch­er ent­ge­gen der Vor­würfe kein ital­ienis­ch­er Inge­nieurs-Spi­on, son­dern Philologe sei.21 Dank des Ein­satzes von Wern­er von Melle wurde Pan­con­cel­li-Calzia ent­lastet und leit­ete das Phonetis­che Lab­o­ra­to­ri­um bis 1949. Nach beina­he 40 Jahren Dienst über­gab er die Leitung und seinen Lehrstuhl für Phonetik an seinen Schüler Dr. Otto von Essen.22

Forschungsabteilung für Vergleichende Musikwissenschaft

Im Okto­ber 1934 stellte der Leit­er des Phonetis­chen Lab­o­ra­to­ri­ums Pan­con­cel­li-Calzia bei der Lan­desun­ter­richts­be­hörde den Antrag, das Sem­i­nar für Ver­gle­ichende Musik­wis­senschaft offiziell zu verselb­st­ständi­gen.23 Dem Antrag wurde entsprochen; die „Forschungsabteilung für Ver­gle­ichende Musik­wis­senschaft“ unter der Leitung von dem mit­tler­weile habil­i­tierten Heinitz wurde ein­gerichtet.24 Nach­ste­hend erhal­ten Sie einen Überblick über die The­men einiger Vor­lesun­gen, die Heinitz ab 1920 in Ham­burg hielt:25

• Die Entste­hung der Instru­men­tal­musik und ihre Beziehun­gen zur Musik der Naturvölker

• Sub­jek­tive und objek­tive Bes­tim­mung der Ton­höhen­be­we­gung in der gesproch­enen Sprache

• Vokalmusik bei Naturvölk­ern und Europäern

• Anwen­dung exper­i­men­tal­phonetis­ch­er Meth­o­d­en auf die Ver­gle­ichende Musikwissenschaft

• Beurteilung musikalis­ch­er Linienführung

• Musikalis­che Akustik

• Skan­di­navis­che Volksmusik

• Musikalis­che Begabung

• Tran­skrip­tion der Musik ander­er Völker

• Ton­sys­teme außereu­ropäis­ch­er Musikkulturen

Diese Auflis­tung gibt einen guten Überblick über die vielfälti­gen The­menge­bi­ete, in denen Heinitz nicht nur lehrte, son­dern auch forschte. Schließlich wurde die Forschungsabteilung für Ver­gle­ichende Musik­wis­senschaft im Jahr 1947 auf Antrag Pan­con­cel­li-Calzias vom Phonetis­chen Lab­o­ra­to­ri­um getren­nt und an das eben­falls 1934 ent­standene Uni­ver­sitäts-Musik-Insti­tut angegliedert.26

Das Universitäts-Musik-Institut – die Bedeutung der Musikwissenschaft nimmt zu

An der Ham­bur­gis­chen Uni­ver­sität ist mit Wirkung vom 1. Novem­ber d. J. ein ‚Uni­ver­sitäts-Musik-Insti­tut‘ errichtet wor­den.“27 Dieser Satz war im Novem­ber 1934 im Ham­burg­er Tage­blatt zu lesen. Zuvor hat­te Dr. Hans Hoff­mann als Dozent für Musik­the­o­rie und Musikpflege in begren­zten Räum­lichkeit­en und ohne eige­nen Finanze­tat gewirkt28 sowie den Stu­den­ten­chor und das Stu­den­tenorch­ester geleit­et.29 Hoff­manns Wun­sch nach einem eige­nen Sem­i­nar­raum fügte der dama­lige Uni­ver­sität­srek­tor Adolf Rein in einem Schreiben an die Lan­desun­ter­richts­be­hörde die Bitte um eigene Finanzmit­tel hinzu.30 Wenig später genehmigte der Ham­burg­er Sen­at die offizielle Grün­dung des ‚Uni­ver­sitäts-Musik-Insti­tuts‘ unter der Leitung von Hoff­mann.31

Das Musik-Insti­tut beschäftigte sich mit Chor- und Instru­men­tal­prax­is, ver­mit­telte aber auch musikhis­torische und musik­the­o­retis­che Inhalte. Die musikgeschichtlichen Vor­lesun­gen konzen­tri­erten sich dabei zumeist auf Früh­barock, Klas­sik und Mod­erne. Zur Musik­the­o­rie hielt Hoff­mann unter anderem Vor­lesun­gen über Kon­tra­punkt, Kanon, Fuge und Gen­er­al­bass. In der Zeit des nation­al­sozial­is­tis­chen Regimes über­nahm das Insti­tut außer­dem die Auf­gabe, Sin­gleit­er der Schutzstaffel (SS) durch Volk­sliedübun­gen auszu­bilden. Auch Mannschaftssin­gen und Volk­sliedsin­gen für alle Studieren­den standen auf dem Lehrplan.32

Sechs Jahre nach Grün­dung des Insti­tuts erfol­gte eine weit­ere rich­tungsweisende Verän­derung. Das Uni­ver­sitäts-Musikin­sti­tut wurde an die Philosophis­che Fakultät angegliedert.33 Bemerkenswert ist dabei das Schreiben des Rek­tors Wil­helm Gun­dert, welch­er den Antrag begrün­dete: „Es han­delt sich dabei nur um eine Fol­gerung aus dem Umstand, dass die Musik­wis­senschaft nun­mehr als gle­ich­berechtigtes Fach in der Philosophis­chen Fakultät vertreten wer­den soll.“34 Gun­dert gab der Tätigkeit des Musik-Insti­tuts als erster Funk­tion­sträger den Titel „Musik­wis­senschaft“ und emp­fahl den Musik­wis­senschaftler Dr. Hans Joachim Ther­stap­pen als Leit­er des Insti­tuts. Damit begann die Bedeu­tung der Musik­wis­senschaft in Ham­burg zu wach­sen. Dem Antrag wurde am 21. März 1940 von der Staatsver­wal­tung zuges­timmt – das Uni­ver­sitäts-Musik-Insti­tut wurde unter der Leitung von Her­rn Dr. Ther­stap­pen in die Philosophis­che Fakultät eingegliedert.35 Mit Ther­stap­pen hiel­ten in den Fol­ge­jahren ver­mehrt musikhis­torische The­men Einzug in den Uni­ver­sität­sall­t­ag und diver­si­fizierten die Musik­wis­senschaft in Ham­burg weit­er (s. Beitrag zu „Hans Joachim Ther­stap­pen“).36

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Durch den bere­its erwäh­n­ten Zusam­men­schluss des Uni­ver­sitäts-Musik-Insti­tuts mit der Forschungsabteilung für Ver­gle­ichende Musik­wis­senschaft 1947 ent­stand ein musik­wis­senschaftlich­es Insti­tut, in dem sowohl his­torische als auch musik­the­o­retis­che, ‑sozi­ol­o­gis­che und ‑psy­chol­o­gis­che The­men erforscht und gelehrt wur­den. Die beschriebe­nen Insti­tu­tio­nen und Per­so­n­en tru­gen alle­samt dazu bei, den Weg zur Insti­tu­tion­al­isierung der Musik­wis­senschaft erfol­gre­ich zu been­den. 1949 wurde dieses Ziel mit der offiziellen Grün­dung des Musik­wis­senschaftlichen Insti­tuts in Ham­burg erreicht.

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