Die MuWiBib – Mit lieben Grüßen von den Vorgängern

Von Katrin Friese

Die Bib­lio­theken sind das Gedächt­nis der Men­schheit, die Brück­en aus der Ver­gan­gen­heit in die Zukun­ft, die Grund­la­gen und Instru­mente der wis­senschaftlichen Forschung…“1, sagte Wil­helm Hoff­mann im Vor­wort zum ersten Gutacht­en der Not­ge­mein­schaft der Deutschen Wis­senschaft. Auch in unserem Insti­tut zeugt eine Musik­wis­senschaftliche Präsenzbib­lio­thek (MuWiBib) von den Wis­senschaftlern und Wis­senschaft­lerin­nen2, die früher hier lehrten, sich in ihren Pub­lika­tio­nen verewigt und den heuti­gen Studieren­den einen Schatz an Mate­ri­alien zu ihren jew­eili­gen Forschungs­ge­bi­eten hin­ter­lassen haben. Neben bedeu­ten­den Wis­senschaftlern haben sich in der Bib­lio­thek auch Musik­er­per­sön­lichkeit­en und Pri­vatleute verewigt, deren Samm­lun­gen und Nach­lässe hier vor dem Vergessen bewahrt wer­den. Die Büch­er, Zeitschriften und Samm­lun­gen dienen den heuti­gen Studieren­den nicht nur als Lehr­ma­te­r­i­al, son­dern bieten auch die Möglichkeit, schon während des Studi­ums an aktiv­er Forschung teilzuhaben.

Lei­der wis­sen die wenig­sten Studieren­den, wem sie all dies zu ver­danken haben. Um diese Lücke zu füllen, gibt der erste Teil dieses Artikels einen Überblick darüber, wie die MuWiBib anfangs aus Noten­heften der Uni­ver­sitätsmusik ent­standen ist und wer entschei­dende Beiträge zu ihrem Auf­bau bis zu ihrer heuti­gen Größe geleis­tet hat. In einem zweit­en Teil dient die Beschrei­bung der Schallplat­ten­samm­lung des Ham­burg­er Musikkri­tik­ers Wern­er Burkhardt als Beispiel dafür, wie Forschung und Lehre an unserem Insti­tut ineinan­der greifen und den Studieren­den so ein prax­is­na­h­es Ler­nen ermöglichen.

Abbil­dun­gen 1–3: Räume der Musik­wis­senschaftlichen Präsenzbib­lio­thek, Fotos: Katrin Friese

Wer schreibt, der bleibt: Von den ersten Notenheften bis zur Präsenzbibliothek

Die musik­wis­senschaftliche Bib­lio­thek wurde erst­mals in einem Brief an die Hausver­wal­tung der Uni­ver­sität Ham­burg erwäh­nt. Mit der Grün­dung des Uni­ver­sitäts-Musikin­sti­tuts als Teil des Sem­i­nars für Erziehungswis­senschaften sollte 1934 die prak­tis­che Musikpflege und die Aus­bil­dung der Lehrer gewährleis­tet wer­den.3 Im Rah­men der Ein­rich­tung der Räume für das neue Insti­tut schrieb ein unbekan­nter Ver­fass­er4 am 29. Okto­ber 1934, dass für den Hör­saal N zwei ver­schließbare Büch­er- bzw. Noten­schränke möglichst mit Glastüren benötigt wür­den. Diese soll­ten mit den Schildern ‚Orch­ester­bib­lio­thek‘ und ‚Chor­bib­lio­thek‘ verse­hen sein. Außer­dem bat er um Bücher­bor­de an den Wän­den und wies darauf hin, dass sich um die Anschaf­fung eines Plat­ten­schrankes für Schallplat­ten ander­weit­ig geküm­mert werde.5 Im Anschluss wurde ein Schrank für bei­de Bib­lio­thek­steile gemein­sam beantragt6 und für 472 RM am 11. Jan­u­ar 1935 in Auf­trag gegeben.7 Dr. Wal­ter Vet­ter, der am Uni­ver­sitäts-Musikin­sti­tut als Lehrbeauf­tragter für Musikgeschichte und ‑the­o­rie angestellt war, begann zusam­men mit dem Leit­er des Musikin­sti­tuts Dr. Hans Hoff­mann die Samm­lung, welche im Laufe der Zeit zu der heuti­gen Bib­lio­thek her­an­wuchs. Im Jan­u­ar 1940 enthielt die Bib­lio­thek auf diese Weise bere­its Lit­er­atur zu fol­gen­den The­men­bere­ichen:8

• Lexi­ka

• Musikgeschichte

• Musik­lehre (Har­monielehre und Kon­tra­punkt)

• Ästhetis­che Schriften, Biographis­che Schriften

• Veröf­fentlichun­gen und Zeitschriften zum The­ma Musikpäd­a­gogik und Volk­slied­kunde

• Denkmäler-Aus­gaben und Gesam­taus­gaben

• Klavier­auszüge von bekan­nten und sel­te­nen Opern

• Wichtige Klavier- und Cem­balow­erke

• Chor- und Instru­men­tal­lit­er­atur

Dr. Hans Joachim Ther­stap­pen legte als nach­fol­gen­der Lehrbeauf­tragter und später­er kom­mis­sarisch­er Leit­er des Uni­ver­sitäts-Musikin­sti­tuts (s. Beitrag zu „Hans Joachim Ther­stap­pen“) beson­deren Wert darauf, dass musikgeschichtlich­es Quel­len­ma­te­r­i­al (z. B. Briefe von Hans von Bülow) hinzuka­men. Die Studieren­den soll­ten so unmit­tel­bare Ein­drücke der Wirkung von Werken ver­schieden­er Epochen bekom­men.9

Zeit­gle­ich mit dem Uni­ver­sitäts-Musikin­sti­tut wurde die Forschungsabteilung für Ver­gle­ichende Musik­wis­senschaften gegrün­det (s. Beitrag „Wie alles begann“). Die von Prof. Dr. Wil­helm Heinitz geleit­ete Forschungsabteilung gehörte zum Phonetis­chen Lab­o­ra­to­ri­um, das langjährig von Prof. Dr. Giulio Pan­con­cel­li-Calzia geleit­et wurde, sodass bei­de Ein­rich­tun­gen sich in densel­ben Räum­lichkeit­en im Mit­tel­weg 90 befan­den. Da die Zusam­me­nar­beit unter starken inter­per­son­ellen Span­nun­gen litt (s. Beitrag zu Heinitz’ „Etablierung eines neuen Forschungszweiges“), fungierte die Ober­schul­be­hörde Ham­burg (Abteilung für Hochschul­we­sen) häu­fig als Ver­mit­tler. Die Uneinigkeit­en ließen sich nicht bei­le­gen, sodass Heinitz 1949 let­ztlich eine Beendi­gung der Zusam­me­nar­beit bevorzugte. Im Rah­men von Heinitz’ Auszug aus dem Mit­tel­weg 90 führte er in einem Briefwech­sel mit der Abteilung für Hochschul­we­sen unter anderem den Inhalt der gemein­samen Bib­lio­thek auf, der mit Geld des phonetis­chen Lab­o­ra­to­ri­ums gekauft wor­den sei, weil die Forschungsabteilung für Ver­gle­ichende Musik­wis­senschaft nicht die finanziellen Möglichkeit­en gehabt habe.10 Heinitz zählte in diesem Zusam­men­hang fol­gende Bib­lio­theks­bestände auf:11

Die musik­wis­senschaftliche Lichtbildsammlung

Die Bib­lio­thek samt Noten und Partituren

Sämtliche Schallplat­ten und e‑Aufnahmen, beste­hend aus der ehe­ma­li­gen Heinitz-Samm­lung, vom Rund­funk über­lassene Plat­ten, Trom­mel­sprach­plat­ten und eine von ihm in Kairo mitaufgenommene Samm­lung und der Westermannsammlung.

Da die Forschungsabteilung für Ver­gle­ichende Musik­wis­senschaft 1947 vom Phonetis­chen Lab­o­ra­to­ri­um getren­nt und dem Musikin­sti­tut zugeteilt wurde,12 ist anzunehmen, dass die von Heinitz aufgezählten Bib­lio­theks­bestände mit in die heutige Musik­wis­senschaftliche Bib­lio­thek einge­flossen sind.

Nach­dem Dr. Hein­rich Hus­mann 1948 zunächst kom­mis­sarisch die Nach­folge von Ther­stap­pen antrat, wurde er 1949 zum außer­plan­mäßi­gen Pro­fes­sor und Leit­er des Musik­wis­senschaftlichen Insti­tuts ernan­nt.13 Nach fast zehn Jahren Dienst in dieser Posi­tion erhielt er einen Ruf nach Göt­tin­gen, der einen maßge­blichen Ein­fluss auf den Bestand der Musik­wis­senschaftlichen Bib­lio­thek haben sollte. Im Rah­men der Ruf-Nachver­hand­lun­gen brachte er 1958 eine Liste in eines der Ver­hand­lungs­ge­spräche ein, die zur erhe­blichen Auf­s­tock­ung des Bestandes der Denkmäler- und Gesam­taus­gaben der Bib­lio­thek führte (s. Abb. 4–18).

Abbil­dun­gen 4–18: Hein­rich Hus­mann, Liste wis­senschaftlich­er und prak­tis­ch­er Auf­gaben, Staat­sarchiv Ham­burg, 361–6 IV_1873

Zur Deck­ung des Nach­holbe­darfs forderte er zudem eine Auf­s­tock­ung des Sach-Etats von 3.500 DM auf 8.000 DM und eine ein­ma­lige Zuwen­dung von 50.000 DM. Außer­dem forderte er die Her­aus­gabe ein­er wis­senschaftlichen Zeitschrift,14 deren Anschaf­fung im Gegen­satz zu den zuvor genan­nten Forderun­gen jedoch nicht real­isiert wurde.

Seit diesen Tagen ist die Musik­wis­senschaftliche Bib­lio­thek stetig gewach­sen. Im Feb­ru­ar belief sich der Bib­lio­theks­be­stand auf 25.221 Büch­er, 5.885 CDs, 8.422 Schallplat­ten (davon ca. 1.900 Schel­lack­plat­ten), 96 laufende Zeitschriften­abon­nements, 14.974 Noten­bän­den, 107 Ton­bän­der, 217 DVDs, 103 VHS-Kaset­ten sowie 367 MCs und einige DAT-Kas­set­ten.15 Die genaue Entwick­lung der Bib­lio­thek zwis­chen den genan­nten Zeit­punk­ten ist anhand der Zugangs­büch­er nachzu­vol­lziehen, die vor Ort einge­se­hen wer­den können.

Der individuelle Charme unserer Bibliothek: Nachlässe mit Seltenheitswert

Diverse Nach­lässe und Samm­lun­gen ergänzen die Bestände der Bib­lio­thek und machen sie zu ein­er wahren Schatzk­iste. Hier­bei han­delt es sich um Samm­lun­gen ehe­ma­liger Lehrkräfte und um Nach­lässe von pri­vat­en Samm­lern, die dem Insti­tut zuge­tan waren. Fol­gen­des wird auf diese Weise vor dem Vergessen bewahrt:

Briefwech­sel zwis­chen Rein­hard Voll­hardt16 und weit­eren Musik­er­per­sön­lichkeit­en sein­er Zeit

Eine Samm­lung musiketh­nol­o­gis­ch­er Schel­lack­plat­ten von Prof. Dr. Wil­helm Heinitz (s. Beitrag zur „Samm­lung ethno­graphis­ch­er Ton­träger“)

Büch­er und Lieder­büch­er zu Musik im Drit­ten Reich sowohl von Prof. Dr. Rein­hold Brinkmann17 als auch von Har­ry Hahn18

Eine gen­reüber­greifende Schallplat­ten­samm­lung von Wern­er Burkhardt

Eine weit­ere Schallplat­ten­samm­lung zum The­ma Jazz und Swing von Gün­ter Schrage19

Druck­erzeug­nisse, Musikhand­schriften, Note­nau­to­graphe und Briefwech­sel mit Musik­er­per­sön­lichkeit­en von Dr. Her­bert Hüb­n­er20 (in der Staats- und Uni­ver­sitäts­bib­lio­thek Carl von Ossi­et­zky unterge­bracht, da die Samm­lung ein­er speziellen Lagerung bedarf)

Orig­i­nal­doku­mente von wis­senschaftlichen Arbeit­en und Briefen von Dr. Julius Bahle21

Die Ham­burg­er Has­se-Hand­schriften (eben­falls in der Staats- und Uni­ver­sitäts­bib­lio­thek Carl von Ossi­et­zky unterge­bracht) (s. Beitrag „Musikalis­che Schätze der Staats­bib­lio­thek“)

Samm­lun­gen und Nach­lässe wer­den jedoch im Musik­wis­senschaftlichen Insti­tut nicht nur auf­be­wahrt, son­dern auch genutzt, um Studierende aktiv in Forschungsar­beit­en mit einzu­binden. Ein Beispiel hier­für ist die Plat­ten­samm­lung des Ham­burg­er Musikkri­tik­ers und –pub­lizis­ten Wern­er Burkhardt.

Exkurs: Der Musikredakteur und ‑publizist Werner Burkhardt

Wern­er Burkhardt wurde 1928 im Grindelvier­tel in unmit­tel­bar­er Nähe des Musik­wis­senschaftlichen Insti­tuts geboren.22 Seine Kar­riere begann 1952 bei der Welt und set­zte sich im Hör­funk fort. Beim NDR machte Burkhardt den sehr beliebten „Pop-Kom­men­tar“ und arbeit­ete von 1970 an fast 40 Jahre lang als „Botschafter nordis­ch­er Kul­tur“ für die Süd­deutsche Zeitung.23 Er über­set­zte eine Bil­lie Hol­i­day-Biogra­phie24 und schrieb noch 2002 ein Buch mit dem Titel Klänge, Zeit­en, Musikan­ten – Ein halbes Jahrhun­dert Jazz, Blues und Rock. 1998 wurde Burkhardt anlässlich seines 70. Geburt­stags mit der Bier­mann-Fat­jen-Medaille vom Ham­burg­er Sen­at geehrt.25 In sein­er Arbeit gab es für ihn dabei wed­er eine Unter­schei­dung noch eine Wer­tung zwis­chen U- und E‑Musik, son­dern stets nur „Gutes“ oder „Schlecht­es“. Burkhardt war bei Kol­le­gen dafür bekan­nt, dass er alle Gen­res gle­ich schätzte und dadurch Maßstäbe set­zte.26 In seinen Nachrufen wird er als ein­er der let­zten All­round­kri­tik­er beschrieben, der kom­pe­tent über Jazz, The­ater, Klas­sik und Oper schreiben kon­nte.27 Geachtet und gefürchtet für seine Ehrlichkeit und seinen Schreib­stil, „gehörte [Burkhardt] unverzicht­bar zum Ham­burg­er Kul­turleben – und zum niveau­vollen Nach­denken darüber erst recht“.28 Er starb am 20. August 2008 in sein­er Woh­nung im Grindelvier­tel.29 Teil seines Nach­lass­es war eine Samm­lung von zunächst auf ca 8.000 geschätze­gen­reüber­greifend­en Schallplat­ten.30 Der größte Teil sein­er Samm­lung ging mit Wern­er Burkhardts Tod offiziell in das Eigen­tum des Musik­wis­senschaftlichen Insti­tuts der Uni­ver­sität Ham­burg über31 und beläuft sich tat­säch­lich auf fast 10.000 Titel.32

Werner Burkhardts Plattensammlung zieht in das Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg

Die Plat­ten­samm­lung von Burkhardt ist heute Eigen­tum des Musik­wis­senschaftlichen Insti­tuts. Dieser Umstand ist einem sehr glück­lichen Zufall zu ver­danken. Die Samm­lung sollte schon zu Burkhardts Lebzeit­en ein Zuhause bekom­men und 1996 zusam­men mit der Instru­menten­samm­lung des dama­li­gen Ham­burg­er Gen­eral­musikdi­rek­tors Gerd Albrecht im Instru­mentenkun­de­mu­se­um in der Musikhalle Ham­burg33 unterge­bracht wer­den. Laut dem Geschäfts­führer der Musikhalle, Benedikt Stam­pa, war dies jedoch nicht möglich, da die Samm­lung ein­er musikol­o­gis­chen Aufar­beitung bedürfe, welche die Musikhalle lei­der nicht leis­ten könne. Eine sachgemäße Aufar­beitung würde einen sechsstel­li­gen Betrag kosten und daher würde die Samm­lung eher in die Uni­ver­sität passen.34 Burkhardt äußerte, dass er zwar Ver­ständ­nis für die Prob­lematik der Unter­bringung von 8.000 Plat­ten habe, er aber fas­sungs­los über die wohl unendliche Geschichte der Zweik­las­sen­ge­sellschaft in der Musik sei.35 Antje Hinz36 und ein nicht zu iden­ti­fizieren­der Ver­fass­er lasen in einem Artikel des Ham­burg­er Abend­blatts vom 4. Mai 1996 von diesem Umstand und hat­ten einen Ein­fall zur Lösung des Problems.

Abbil­dung 20: Fax Antje Hinz, 4. Mai 1996.

Noch am gle­ichen Tag schick­ten sie den Artikel per Fax an das Musik­wis­senschaftliche Insti­tut. Sie ver­merk­ten, dass die Plat­ten doch sicher­lich eine musikgeschichtliche Lücke des Insti­tuts füllen kön­nten, wenn sich ein Spon­sor fände, der die Ver­größerung des Schal­larchivs bezahle. Auf dem Fax wurde daraufhin mit Bleis­tift errech­net, dass der Umbau ca. 19.200 DM kosten würde.37 Am 3. Juli 1996 wurde vom Ref­er­en­dari­at für Bau- und Investi­tion­s­pla­nung der Uni­ver­sität Ham­burg die Bestä­ti­gung einge­holt, dass man den Vor­raum von Raum 08 schallplat­ten­gerecht umbauen könne.

Nach einem Besich­ti­gung­ster­min mit Burkhardt über­ließ dieser schließlich den größten Teil sein­er Samm­lung dem Musik­wis­senschaftlichen Insti­tut.38 Nach­dem der Vor­raum zu Raum 08 umge­baut und mit 39 Regal­me­tern für Schallplat­ten aus­ges­tat­tet war,39 zogen die Schallplat­ten40 am 7. März 1997 unter tatkräftiger Hil­fe von elf Frei­willi­gen aus der Stu­den­ten­schaft von der Grinde­lallee in die Neue Raben­straße.41 Am 11. April 1997 zog außer­dem die Instru­menten­samm­lung von Albrecht in die Ham­burg­er Musikhalle ein. Ergänzend zu der Ausstel­lung der Instru­menten­samm­lung wur­den aus­gewählte 100 Stun­den von Burkhardts Schallplat­ten auf CD über­spielt, die auf dem soge­nan­nten Burkhardt-Com­put­er abruf­bar waren.42 Nach Absprache mit Wern­er Burkhardt fand zudem eine größere Anzahl an Shake­speare-Plat­ten ihren Weg in das Englis­che Sem­i­nar der Uni­ver­sität.43

Von nun an war es das Ziel des Insti­tuts, die Plat­ten bis 1998 zu inven­tarisieren44 und bis 2001 voll zu kat­a­l­o­gisieren. Dabei kamen zwis­chen 1999 und 2001 ins­ge­samt 635 stu­den­tis­che Hil­f­skraft­stun­den zum Ein­satz.45 Zudem wurde im Jahr 2000 ein inno­v­a­tives Tuto­ri­um von Prof. Dr. Hel­mut Rös­ing, Pro­fes­sor für Sys­tem­a­tis­che Musik­wis­senschaft am Insti­tut, und der Bib­lio­thek­sleitung Brigitte Adler ins Leben gerufen, das durch die Behörde für Wis­senschaft und Forschung gefördert wurde.46 Das Tuto­ri­um ver­fol­gte das Ziel, durch die Sich­tung und Aufar­beitung der Burkhardt-Samm­lung die Eige­nar­beit und Selb­stor­gan­i­sa­tion der Studieren­den zu fördern. In zwei Semes­ter­wochen­stun­den sollte über drei Semes­ter hin­weg eine Herange­hensweise für die Aufar­beitung, die inhaltliche und die for­male Erschließung entwick­elt und ein gemein­samer Bericht mit dem Tutor ver­fasst wer­den.47 Zudem fan­den Lehrver­anstal­tun­gen zur the­ma­tis­chen Aufar­beitung der einzel­nen Gen­res statt.48

Mith­il­fe von zusät­zlichen Arbeit­skräften kon­nte das Musik­wis­senschaftliche Insti­tut bis 2001 also einen großen Teil der Samm­lung kat­a­l­o­gisieren, der über den Bib­lio­thek­skat­a­log für die Öffentlichkeit recher­chier­bar ist.49 Der Rest des Nach­lass­es har­rt noch sein­er abschließen­den Kat­a­l­o­gisierung. Wern­er Burkhardt hat die Schallplat­ten­samm­lung in seinem Tes­ta­ment vom 31. Dezem­ber 1998 (eröffnet am 24.9.2008) ver­ma­cht.50 Seit Prof. Dr. Friedrich Geiger im Namen des Insti­tuts am 28. Novem­ber 2008 schriftlich die Annahme des Tes­ta­ments erk­lärt hat, gehört die Samm­lung offiziell zum Besitz des Musik­wis­senschaftlichen Insti­tuts.51

Bibliotheken: Orte zum Innehalten, Erinnern, Be-greifen

In Zeit­en der Dig­i­tal­isierung ver­liert das wis­senschaftliche Arbeit­en und stu­den­tis­che Ler­nen zunehmend an sinnlichen Ein­drück­en – sie wer­den häu­fig zu virtuellen Angele­gen­heit­en. Durch die Ver­füg­barkeit und Zeit­losigkeit von dig­i­tal­en Tex­ten und Musik wird schnell überse­hen, wer sie geschrieben hat und wie alt viele schon sind. Aber muss man nicht manch­es erst be-greifen, um wirk­lich zu ver­ste­hen? Sind es nicht ger­ade Sin­ne­sein­drücke, die helfen, sich an etwas zu erin­nern? Orte wie die Musik­wis­senschaftliche Bib­lio­thek laden Studierende und Lehrende ein, still zu wer­den und im Hier und Jet­zt anzukom­men. Der Geruch und das Gefühl von altem Papi­er oder allein der Anblick von 39 Regal­me­tern voller Schallplat­ten erin­nern an ver­gan­gene Zeit­en und die Men­schen, ohne die das Musik­wis­senschaftliche Insti­tut heute andere Arbeits­be­din­gun­gen hätte. Allein dafür lohnt es sich Bib­lio­theken und Samm­lun­gen zu erhal­ten. Und wer weiß, vielle­icht hält der eine oder andere manch­mal inne und denkt „Danke, Wil­helm Heinitz!“, „Danke, Hein­rich Hus­mann!“ oder auch „Danke, Wern­er Burkhardt!“.

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  1. Zitiert nach: Peter Scheib­ert, Lage und Erfordernisse der west­deutschen wis­senschaftlichen Bib­lio­theken, Osnabrück 1951.
  2. Im weit­eren Ver­lauf wird auf­grund der besseren Les­barkeit des Beitrags jew­eils auf den gener­ischen Maskulinum zurückgegriffen.
  3. Jörg Rothkamm, „Neuan­fang im Geiste Gui­do Adlers? Die Ent­naz­i­fizierung der Ham­burg­er Musik­wis­senschaft und der Ein­fluss Hein­rich Hus­man­ns bis heute“, in: Musik­wis­senschaft und Ver­gan­gen­heit­spoli­tik. Forschung und Lehre im frühen Nachkriegs­deutsch­land, hrsg. von dems. und Thomas Schip­perges, München 2015 (Kon­ti­nu­itäten und Brüche im Musik­leben der Nachkriegszeit), S. 63.
  4. Es ist anzunehmen, dass es sich um den Leit­er des neuen Uni­ver­sitäts-Musikin­sti­tuts Hans Hoff­mann han­delt. Dies ist aus der Quelle jedoch nicht ersichtlich.
  5. Brief [o. N.] an die Hausver­wal­tung der Uni­ver­sität, 29.10.1934, in: Beschaf­fung von Räu­men für das Uni­ver­sitäts-Musikin­sti­tut im Uni­ver­sitäts­ge­bäude, Staat­sarchiv Ham­burg, 361–5_Gd11.
  6. Anschaf­fungs-/In­stand­hal­tungsantrag Uni­ver­sitäts-Musikin­sti­tuts an die Lan­desun­ter­richts­be­hörde, 9.11.1934, in: Beschaf­fung von Räu­men für das Uni­ver­sitäts-Musikin­sti­tut im Uni­ver­sitäts­ge­bäude, Staat­sarchiv Ham­burg, 361–5_Gd11.
  7. Ver­merk der 1. Hochbauabteilung gez. Han­neck, 7.12.1934, in: Beschaf­fung von Räu­men für das Uni­ver­sitäts-Musikin­sti­tut im Uni­ver­sitäts­ge­bäude, Staat­sarchiv Ham­burg, 361–5_Gd11.
  8. Auflis­tung gemäß Ernst Koster, „Besuch des Musikin­sti­tut der han­sis­chen Uni­ver­sität“, in: Ham­bur­gis­ch­er Anzeiger, 17.1.1940.
  9. Vgl. Ernst Koster, „Besuch im Musikin­sti­tut der han­sis­chen Uni­ver­sität“, in: Ham­bur­gis­ch­er Anzeiger, 17.1.1940.
  10. Brief Wil­helm Heinitz an Ober­schul­be­hörde (Abteilung Hochschul­we­sen), 28.11.1947, in: Hochschul­we­sen II, Staat­sarchiv Ham­burg, 361–5II_Ad56.
  11. Brief Wil­helm Heinitz an Ober­schul­be­hörde (Abteilung Hochschul­we­sen), 28.11.1947, in: Hochschul­we­sen II, Staat­sarchiv Ham­burg, 361–5II_Ad56.
  12. Vgl. Jörg Rothkamm, „Neuan­fang im Geiste Gui­do Adlers? Die Ent­naz­i­fizierung der Ham­burg­er Musik­wis­senschaft und der Ein­fluss Hein­rich Hus­man­ns bis heute“, in: Musik­wis­senschaft und Ver­gan­gen­heit­spoli­tik. Forschung und Lehre im frühen Nachkriegs­deutsch­land, hrsg. von dems. und Thomas Schip­perges, München 2015 (Kon­ti­nu­itäten und Brüche im Musik­leben der Nachkriegszeit), S. 70.
  13. Vgl. Jörg Rothkamm, „Neuan­fang im Geiste Gui­do Adlers? Die Ent­naz­i­fizierung der Ham­burg­er Musik­wis­senschaft und der Ein­fluss Hein­rich Hus­man­ns bis heute“, in: Musik­wis­senschaft und Ver­gan­gen­heit­spoli­tik. Forschung und Lehre im frühen Nachkriegs­deutsch­land, hrsg. von dems. und Thomas Schip­perges, München 2015 (Kon­ti­nu­itäten und Brüche im Musik­leben der Nachkriegszeit), S. 75–76.
  14. [o. N.], Getippter Ver­merk, 25.11.1958, in: Prof. Dr. Hein­rich Hus­mann, Staat­sarchiv Ham­burg, 361–6_IV 1873.
  15. Per­sön­liche Auskun­ft von Lore Deman (Bib­lio­thek­sleitung) auf Basis der Bestands­büch­er der Bib­lio­thek, E‑Mail 1.12.2017
  16. Voll­hardt (1858–1926) war Musikdi­rek­tor in Zwick­au, Diri­gent divers­er Musikvere­ine und Komponist.
  17. Brinkmann (1934–2010) habil­i­tierte sich 1970 an der FU Berlin und lehrte u. a. an der Uni­ver­sität der Kün­ste Berlin sowie der Har­vard University.
  18. Hahn war Musik­wis­senschaftler und zeitweise Lehrbeauf­tragter am Musik­wis­senschaftlichen Institut.
  19. Schrage war ein pri­vater Jaz­zken­ner und –samm­ler.
  20. Hüb­n­er (1903–1989) war Musikredak­teur im Ham­burg­er Funkhaus des Nord­deutschen Rundfunks.
  21. Bahle (1903–1986) war Musik­wis­senschaftler und Psychologe. 
  22. Joachim Mis­chke, [o. T.], in: Ham­burg­er Abend­blatt, 29.8.2008.
  23. [o. V.], [Nachruf Wern­er Burkhardt], in: Der Spiegel,  [o. D.], in: Burkhardt, Wern­er, Staat­sarchiv Ham­burg, 731–8_A752.
  24. William F. Dufty, Schwarze Lady, sings the blues, übers. von Wern­er Burkhardt, Rein­bek 1964.
  25. Joachim Mis­chke, „Kri­tik­er Wern­er Burkhardt gestor­ben“, in: Ham­burg­er Abend­blatt, 29.8.2008.
  26. Joachim Mis­chke, [o. T.], in: Ham­burg­er Abend­blatt, 10.7.2008.
  27. [o. V.], [Nachruf Wern­er Burkhardt], [o. D.], in: Burkhardt, Wern­er, Staat­sarchiv Ham­burg, 731–8_A752.
  28. Joachim Mis­chke, „Kri­tik­er Wern­er Burkhardt gestor­ben“, in: Ham­burg­er Abend­blatt, 29.8.2008.
  29. Kopie von Tes­ta­ment Wern­er Burkhardt, 31.12.1998, in: Nach­lässe / Schenkun­gen, Bib­lio­thek­sarchiv Sys­tem­a­tis­che und His­torische Musik­wis­senschaft, Uni­ver­sität Hamburg.
  30. Joachim Mis­chke, „8000 Jaz­zplat­ten sind kein Klacks“, in: Ham­burg­er Abend­blatt, 4.5.1996.
  31. Brief Friedrich Geiger an Recht­san­walt Ste­fan Mey­er, 28.11.2008, in: Nach­lässe / Schenkun­gen, Bib­lio­thek­sarchiv Sys­tem­a­tis­che und His­torische Musik­wis­senschaft, Uni­ver­sität Hamburg.
  32. Das Insti­tut erhielt allerd­ings nur die Plat­ten aus dem Bere­ich Jazz, Rock, Pop und Kun­st­musik. Davon sind mit­tler­weile 5.201 LPs, 11 Sin­gles sowie 36 CDs eingear­beit­et; ca. 4200 LPs und ca. 500 CDs sind nach wie vor nicht eingear­beit­et. Hand­schriftliche Auskun­ft von Lore Deman (Bib­lio­thek­sleitung) auf Basis der Bestands­büch­er der Bib­lio­thek, aktu­al­isiert 23.11.2017.
  33. Musikhalle Ham­burg ist ein ander­er Name für die Laeiszhalle.
  34. Joachim Mis­chke, „8000 Jaz­zplat­ten sind kein Klacks“, in: Ham­burg­er Abend­blatt, 4.5.1996.
  35. Joachim Mis­chke, „8000 Jaz­zplat­ten sind kein Klacks“, in: Ham­burg­er Abend­blatt, 4.5.1996.
  36. Hinz schloss 1995 ihr Musik­wis­senschafts-Studi­um an der Uni­ver­sität Ham­burg ab. Sie ist Ver­legerin und Pro­duzentin im Silberfuchs-Verlag.
  37. Fax Antje Hinz und [o. N.] an das Musik­wis­senschaftliche Insti­tut, 4.5.1996, in: Nach­lässe / Schenkun­gen, Bib­lio­thek­sarchiv Sys­tem­a­tis­che und His­torische Musik­wis­senschaft, Uni­ver­sität Hamburg.
  38. Brief Brigitte Adler an Ref­er­en­dari­at für Bau- und Investi­tion­s­pla­nung der Uni­ver­sität Ham­burg, 26.9.1996, in: Nach­lässe / Schenkun­gen, Bib­lio­thek­sarchiv Sys­tem­a­tis­che und His­torische Musik­wis­senschaft, Uni­ver­sität Hamburg.
  39. Notiz auf Rück­seite von Aushang zur Änderung ein­er Vor­lesung, 19.6.2015, in: Nach­lässe / Schenkun­gen, Bib­lio­thek­sarchiv Sys­tem­a­tis­che und His­torische Musik­wis­senschaft, Uni­ver­sität Hamburg. 
  40. Fax Brigitte Adler an Vor­name Grund­stücks- und Gebäude­ver­wal­tung der Uni­ver­sität Ham­burg, 11.2.1997, in Nach­lässe / Schenkun­gen, Bib­lio­thek­sarchiv Sys­tem­a­tis­che und His­torische Musik­wis­senschaft, Uni­ver­sität Hamburg.
  41. s. Aushang mit einge­tra­ge­nen frei­willi­gen Helfern für den Umzug der Burkhardt­samm­lung, [o. D.], in: Nach­lässe / Schenkun­gen, Bib­lio­thek­sarchiv Sys­tem­a­tis­che und His­torische Musik­wis­senschaft, Uni­ver­sität Hamburg.
  42. Joachim Mis­chke, „Gerd Albrechts Instru­menten­mu­se­um ist in die Ham­burg­er Musikhalle umge­zo­gen“, in:  Ham­burg­er Abend­blatt, 11.4.1997.
  43. Fax Wolf­gang Döm­ling an Klaus-Uwe Pan­ther, 28.1.1997, in: Nach­lässe / Schenkun­gen, Bib­lio­thek­sarchiv Sys­tem­a­tis­che und His­torische Musik­wis­senschaft, Uni­ver­sität Hamburg.
  44. Notiz Hel­muth Rös­ing an Brigitte Adler, [o. D.], in: Nach­lässe / Schenkun­gen, Bib­lio­thek­sarchiv Sys­tem­a­tis­che und His­torische Musik­wis­senschaft, Uni­ver­sität Hamburg.
  45. Anträge auf Finanzierung von stu­den­tis­chen Hil­f­skraft­stun­den Brigitte Adler an Bar­bara Wohlers (Ver­wal­tung des Fach­bere­ichs für Kul­turgeschichte und Kul­turkunde), 1999–2001, in: Nach­lässe / Schenkun­gen, Bib­lio­thek­sarchiv Sys­tem­a­tis­che und His­torische Musik­wis­senschaft, Uni­ver­sität Hamburg.
  46. Bekan­nt­gabe der geförderten Tuto­rien, Hochschu­lamt an den Dekan des Fach­bere­ichs 09, 8.9.2000, in: Nach­lässe / Schenkun­gen, Bib­lio­thek­sarchiv Sys­tem­a­tis­che und His­torische Musik­wis­senschaft, Uni­ver­sität Hamburg.
  47. Antrag für ein inno­v­a­tives Tuto­ri­um Hel­mut Rös­ing und Brigitte Adler an Behörde für Wis­senschaft und Forschung, 25.7.2000, in: Nach­lässe / Schenkun­gen, Bib­lio­thek­sarchiv Sys­tem­a­tis­che und His­torische Musik­wis­senschaft, Uni­ver­sität Hamburg.
  48. Sem­i­nar­plan, [o. D.], in: Nach­lässe / Schenkun­gen, Bib­lio­thek­sarchiv Sys­tem­a­tis­che und His­torische Musik­wis­senschaft, Uni­ver­sität Hamburg.
  49. Anträge auf Finanzierung von stu­den­tis­chen Hil­f­skraft­stun­den Brigitte Adler an Bar­bara Wohlers, 1999–2001, in: Nach­lässe / Schenkun­gen, Bib­lio­thek­sarchiv Sys­tem­a­tis­che und His­torische Musik­wis­senschaft, Uni­ver­sität Hamburg.
  50. Kopie von Tes­ta­ment Wern­er Burkhardt, 31.12.1998, in: Nach­lässe / Schenkun­gen, Bib­lio­thek­sarchiv Sys­tem­a­tis­che und His­torische Musik­wis­senschaft, Uni­ver­sität Hamburg.
  51. Annahme des Tes­ta­ments Burkhardt Friedrich Geiger an Recht­san­walt Ste­fan Mey­er, 28.11.08, in: Nach­lässe / Schenkun­gen, Bib­lio­thek­sarchiv Sys­tem­a­tis­che und His­torische Musik­wis­senschaft, Uni­ver­sität Hamburg.